JACKIE

John Hurt - Das Beste aus 200 Rollen in 77 Jahren

Mit 22 Jahren gab John Hurt sein Spielfilmdebüt und war seitdem fast ohne Unterbrechungen jedes Kinojahr auf der großen Leinwand zu sehen. Jetzt ist er im Alter von 77 Jahren verstorben. In ewigem Gedenken an ein großes Talent...

Vom Publikum bewundert und von der Queen zum Ritter geschlagen, ist es kaum zu glauben, dass Sir John Hurt nie einen Oscar bekam. An fehlendem Talent oder Engagement kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Für seine Nebenrolle in „12 Uhr nachts - Midnight Express" gab es 1978 zumindest die erste Oscar-Nominierung. Kaum wiederzuerkennen ergatterte er als Elefantenmensch in David Lynchs Klassiker zwei Jahre später auch eine Nominierung als Bester Hauptdarsteller. Doch bekommen hat er den Goldjungen nie.

„Wenn ich einen Preis bekomme, werde ich mich so dankbar wie möglich zeigen. Denn es ist sehr nett, eine Auszeichnung zu erhalten. Aber man sollte nicht auf Preise spekulieren. Das ermutigt in unserem Geschäft zu völlig falschem Konkurrenzdenken. Wir sind keine Sportler. Wir versuchen nicht, als erster ins Ziel zu kommen." 

1962 trat John Hurt in „The Wild and the Willing" zum ersten Mal vor eine Filmkamera und konnte seitdem nicht mehr von dieser Arbeit lassen.

„Ich bin sehr überzeugt davon, dass zu arbeiten besser ist, als nicht zu arbeiten. Natürlich lehne ich auch viele Angebote ab, weil sie absoluter Mist sind. Aber meistens finde ich etwas, das interessant genug ist, um es durchzuziehen."

Auf mehr als 200 Rollen konnte der 77jährige an seinem Lebensende zurückblicken und war damit so umtriebig wie kaum ein anderer Schauspieler. John Hurt gebar ein „Alien", war in „1984" das Opfer von Big Brother, um in „V wie Vendetta" selbst zum Überwachungsfanatiker zu werden. Aktuell ist er in JACKIE: DIE FIRST LADY in einer seiner letzten Rollen als Beichtvater von Jackie Kennedy auf der großen Leinwand zu sehen.

Mit diesem herzlichen wie wehmütigen Farewell blicken wir im Folgenden zurück auf eine lange und erfüllte Karriere...

Sein Name war Hase

Im herzzerreißenden Trickfilm „Watership Down - Unten am Fluß" rührte John Hurt 1978 zu Tränen. Dafür musste er nicht einmal vor der Kamera stehen. Im englischen Original spricht Hurt den Hasen Hazel. Besonders rührend ist seine letzte Szene:

21 Jahre später kehrte er für die Fernsehserie „Unten am Fluss" zur selben Rolle zurück. 

Im Midnight Express zur nächsten Karrierestation

„Ich glaube, jetzt haben sie mich dazu gebracht, die Schauspielerei zu hassen."

Der Film ging 1981 als Oscar-Favorit überraschend leer aus.

Für besonderen Unmut sorgte die Tatsache, dass die Leistung der Maskenbildner nicht gewürdigt wurde. Aus diesem Anlass wurde 1982 die Oscar-Kategorie für das Beste Make-up eingeführt.

Mit „1984" folgte im titelgebenden Jahr die zweite karriereprägende Rolle für John Hurt als systemtreuer Winston Smith, der seine Ergebenheit gegenüber dem Großen Bruder überdenkt. Hurt überzeugte an der Seite des großartigen Richard Burton, der in „1984" in seiner letzten Rolle zu sehen war.

„Hurts angespanntes Gesicht, seine gefühlvollen Augen und ängstlich hochgezogenen Schultern zeigen einen zweifelnden Mann mit Anstand, der seine persönliche Integrität entdeckt und versucht, sie aufrechtzuerhalten." (Philip French, Observer)

Von Big Brother zu Big Brother

So arrogant und süffisant, wie er als Adliger daherkommt, so liebenswert erscheint John Hurt als Mr. Ollivander in der „Harry Potter"-Reihe.

Von 2001 bis 2011 schlüpfte Hurt dreimal in die Rolle des kauzigen Zauberstabmachers, wobei er bei den Fans so beliebt ist, dass viele ihn sogar lieber als Dumbledore gesehen hätten.

In „Hellboy" zeigte sich Hurt 2004 ebenfalls von seiner liebevollen Seite als Ziehvater des knallroten Raufboldes.

Obwohl er im Film ***VORSICHT, SPOILER*** eigentlich das Zeitliche segnet, durfte er in der Fortsetzung „Hellboy - Die Goldene Armee" wieder dabei sein. ***SPOILERENDE***

2008 folgte mit Steven Spielbergs „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" eine weitere Rolle, in der Hurt einen liebenswerten älteren Herren, den total zerstreuten Professor Oxley, spielt.

Blockbuster wie diese streute Hurt gerne in seine Filmographie ein, um sich die kleineren, anspruchsvolleren Filme leisten zu können:

„Von Zeit zu Zeit tauche ich in Los Angeles auf, um Filme mit einem großen Budget zu machen, damit ich die Filme mit kleinem Budget machen kann."

Die Stimme aus dem Off

Ein solcher Film mit kleinem Budget ist „Dogville".

In Lars von Triers unkonventionell inszeniertem Drama, das wie ein Theaterstück daherkommt, nimmt John Hurt die Rolle des Erzählers ein. Hurts Stimme machte ihn nicht nur zu einem gefragten Synchronsprecher für Trickfilme. Bereits 1987 machte er sich einen Namen als Erzähler, als er in Paul Cox’ Dokumentation „Vincent" die Briefe von Theo van Gogh an seinen berühmten Bruder Vincent las. Ein zweites Mal bediente sich Lars von Trier Hurts einzigartiger Stimme im „Dogville"-Nachfolger „Manderlay". Nachdem er darin wieder nur zu hören war, stellte ihn Lars von Trier bei ihrer dritten Zusammenarbeit für „Melancholia" endlich auch vor die Kamera. Da durfte er als Brautvater mit Kirsten Dunst tanzen.

Der Unangepasste

Was die Leute von seinen Rollen halten und ob sie seiner Karriere förderlich sind, war Hurt immer egal. Er sucht sich die Rollen raus, die für ihn eine Herausforderung darstellen. Eine seiner beeindruckendsten Darstellungen ist die des englischen Exzentrikers Quentin Crisp.

Indem Hurt 1975 den homosexuellen Crisp in „Wie man sein Leben lebt" spielte, ging er einen mutigen Weg in seiner noch jungen Karriere. Aber er sollte es nicht bereuen. 2008 schlüpfte er in „An Englishman in New York" erneut in die Rolle des mittlerweile zur homosexuellen Ikone gewordenen Crisps.

So gar nicht Hollywood-konform war auch Hurts Auftritt in Bong Joon-hos Berlinale-Beitrag „Snowpiercer". Neben einer kaum wiederzuerkennenden Tilda Swinton kämpft sich John Hurt gemeinsam mit Chris Evans und Jamie Bell durch den Dreck und die Waggons dieses dystopischen Zuges.

Mit Tilda Swinton verstand sich Hurt offenbar so gut, dass er ein Jahr später in „Only Lovers Left Alive" (2013), Jim Jarmuschs Version einer Vampirromanze, Swintons persönliche Blutbank spielte.

Der Doktor

Besonders stolz dürfte John Hurt als Engländer aber auf seinen Auftritt als Doktor gewesen sein. 2013 wurde Hurt die Ehre zuteil, in einer Jubiläumsfolge des Serien-Dauerbrenners „Doctor Who" den Kriegsdoktor zu spielen. Dabei tritt er als Reinkarnation von gleich zwei beliebten Doktoren auf: Matt Smith und David Tennant (EIN SCHOTTE MACHT NOCH KEINEN SOMMER).

Der Priester

Nach Abenteuerfilmen wie „Hercules" und „Legend of Tarzan" spielte Hurt 2016 endlich wieder eine ernstzunehmende Rolle.

Als irischer Priester steht John Hurt der First Lady Jackie Kennedy (Natalie Portman) in ihrer schwersten Krise zur Seite und ist für sie neben ihrem Schwager Bobby (gespielt von Peter Sarsgard) der Fels in der Brandung.

 

Für seine Darstellung könnte sich John Hurt einige Tipps von seinem Bruder geholt haben. Der lebt nämlich als katholischer Benediktinermönch in einem Kloster in Irland.

Sir John Hurt verstarb am 27. Januar 2017 mit 77 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wir sagen Danke für viele fantastische Rollen und werden ihn für immer in Erinnerung behalten.

Bildrechte: Universal Pictures, Concorde, Sony Pictures, Fox, Warner Bros., Pandora, KSM