Der Stern von Indien

Multikulti, Frauenfußball & eine Prise Bollywood: Die Filme von Gurinder Chadha

Die britische Filmemacherin Gurinder Chadha, geboren in Kenia als Kind indischer Eltern, bewegt sich mit ihren Filmen wie keine zweite zwischen den Kulturen, zwischen Tradition und Moderne, die für ihre Figuren nie wirklich greifbar werden. Längst gilt sie als Sprachrohr der anglo-indischen Gemeinde und thematisiert immer wieder die Träume und Probleme einer ganzen Generation von Frauen.

„Für mich war es immer wichtig, dass die Filme, die ich mache, den Leuten gefallen würden, von denen sie handeln. [...] Ich betrachte Film als eine Möglichkeit, Informationen und wichtige Perspektiven zu vermitteln.“ - GURINDER CHADHA

Aktuell läuft ihr neuer Film DER STERN VON INDIEN in den deutschen Kinos, der sich der dramatischen Teilung Indiens im Jahr 1947 und deren Folgen widmet.

Ihre Karriere als Filmemacherin begann jedoch vor fast 30 Jahren. Im Folgenden stellen wir dir die wichtigsten Werke von Gurinder Chadha vor...

„Acting Our Age“ (1992)

Anfang der 90er-Jahre schnupperte Gurinder Chadha erstmals Regie-Luft. Damals drehte sie noch für das britische Fernsehen verschiedene Dokumentarfilme, an denen sich bereits erkennen ließ, welches Anliegen sie mit ihrer Arbeit verfolgte. Ihre Dokus zeigten auf so humoristische wie faszinierende Weise das Leben von Indern in Großbritannien. Ein Thema, das Chadha im Laufe ihrer späteren Karriere immer wieder aufgreifen sollte. Für die Doku „Acting Our Age“ bediente sie sich eines besonderen Kniffs, indem sie älteren indischstämmigen Mitbürgern Kamera und Mikrofon in die Hand drückte und so ihre eigenen Geschichten erzählen ließ.

„Picknick am Strand“ (1993)

Nachdem sie ihre eigene Produktionsgesellschaft Umbi Films gegründet hatte, war 1993 die Zeit reif für ihren ersten Spielfilm. Chadha blieb sich treu und inszenierte mit „Picknick am Strand“ eine Komödie, in der eine Gruppe von Frauen indischer Abstammung einen spontanen Ausflug zu einem Strandhotel nach Blackpool unternimmt.

Schon damals bewies die Regisseurin ein großes Gespür für das Innenleben ihrer Figuren, indem sie die unterschiedlichen Ansichten der drei Generationen im Film gleichermaßen verständlich machte, ohne sie zu verurteilen. Der Konflikt zwischen den Frauen sorgt dabei natürlich für einige witzige Szenen.

„What's Cooking?“ (2000)

Nach einem weiteren Ausflug ins Doku-Genre („What Do You Call an Indian Woman Who's Funny“) und dem TV-Zweiteiler „Rich Deceiver“ (1995) folgte erst im Jahr 2000 Chadhas nächster Kinofilm. Diesmal rückte sie gleich mehrere Familien unterschiedlicher Herkunft in den Fokus, deren Verhalten zu Thanksgiving in Episoden gezeigt wird. Dazu gehört auch das afroamerikanische Ehepaar Williams, deren Feiertagsessen kaum schlimmer verlaufen könnte.

Ebenfalls mit Problemen zu kämpfen hat das lesbische Paar Rachel (Kyra Sedgwick) und Carla (Julianna Margulies), da Rachels jüdische Eltern nicht wissen, wie sie mit der sexuellen Orientierung ihrer Tochter umgehen sollen.

„What's Cooking?“ ist ein filmisches Musterbeispiel an Diversität. Zwar sind die Einblicke in die verschiedenen Kulturen nicht völlig klischeefrei, doch gerade im Hinblick auf heutige Diskussionen über Vielfalt im Kino ist Chadhas Film umso wichtiger zu bewerten. Sie selbst sagte dazu:

„Für mich geht es in dem Film darum, dass die vier Familien sich gegenseitig widerspiegeln und während du emotional davon eingenommen wirst, vergisst du, woher sie kommen. Du hörst auf, Unterschiede zu sehen und realisierst, dass sie alle das Gleiche wollen: ihre Familie zusammenhalten.“

„Kick it like Beckham“ (2002)

Zwei Jahre später legte Chadha mit „Kick it like Beckham“ ihren kommerziell wie finanziell bislang erfolgreichsten Film vor, der ihr zugleich internationale Aufmerksamkeit sicherte. Erneut stehen hier starke Frauenfiguren im Mittelpunkt, die sich in einem intoleranten Umfeld behaupten müssen. Die Sportkomödie kurbelte nicht nur Keira Knightleys (THE HOLE) Karriere mächtig an, sondern bereitete auch dem Frauenfußball eine bis dahin nie dagewesene Bühne im Kino.

Auch die Kritik nahm den Film sehr wohlwollend auf. So schrieb zum Beispiel TV SPIELFILM:

„Die Dialoge sind so treffsicher wie die Girls, die Story einer 18-Jährigen, die trotz Culture-Clash und Liebesleid für ihren Traum kämpft, ist ergreifend, aber nicht rührselig erzählt. Ein gut platzierter Schuss in Herz und Zwerchfell – für Frauen wie für Fahnenschwinger.“

„Die Hüterin der Gewürze“ (2005)

Kurz danach adaptierte Chadha erneut einen Roman. Diesmal trat sie jedoch nur als Drehbuchautorin in Erscheinung. Die Regie übernahm stattdessen ihr Ehemann Paul Mayeda Berges, mit dem sie 2007 Zwillinge bekam. Der Film handelt von einer indischen Frau, die in San Francisco einen Gewürzladen betreibt und sich bald zwischen ihrer Berufung und der Liebe entscheiden muss. Als Hauptdarstellerin konnte hier erneut Bollywood-Star Aishwarya Rai gewonnen werden.

„Paris, je t’aime“ (2006)

Als eine von 18 verschiedenen Regisseuren wirkte Gurinder Chadha bei diesem Episodenfilm mit. Darin widmet sich jeder der 18 Kurzfilme einem Arrondissement von Paris. An dem spannenden Projekt beteiligten sich so renommierte Filmemacher wie Gus Van Sant („Good Will Hunting“), die Coen-Brüder (BURN AFTER READING) und Tom Tykwer („Cloud Atlas“).

Chadhas Episode dreht sich um den Bezirk am Seine-Ufer und auch hier nutzte sie die knapp 6 Minuten als Plädoyer für mehr Toleranz. Es geht darin um eine Muslima, die sich mit einem Franzosen anfreundet, als dieser ihr als einziger nach einem Sturz auf die Beine hilft. Am Ende lädt ihr Vater den hilfsbereiten jungen Mann zum gemeinsamen Spaziergang ein.

„Frontalknutschen“ (2008)

Im Vergleich zum Rest ihrer Filmographie weicht Chadha mit dieser Jugendbuchverfilmung thematisch etwas ab. Zumindest auf den ersten Blick. Doch auch hier geht es im Kern der Geschichte um die Suche nach der eigenen Identität. Und selbst ohne indischstämmige Charaktere kommt dem Thema Auswanderung eine große Bedeutung zu.