Der Stern von Indien

Nach einer wahren Geschichte? So viel Wahrheit steckt wirklich im Hollywood-Kino...

Um das Interesse der Zuschauer zu gewinnen, lässt Hollywood seine Geschichten gern auf wahren Begebenheiten beruhen. Da wird die Überlieferung kunstvoll mit der Fiktion verwoben, bis keiner mehr unterscheiden kann: Ist das jetzt wirklich so passiert oder doch nur erfunden? Wo hört die Wahrheit auf und wo beginnt die Fantasie der Autoren?

Als wahre Trickbetrüger unter den Filmemachern gelten die Coen-Brüder (BURN AFTER READING). Schon in „Fargo“ führten sie das Publikum auf die falsche Fährte und bezeichneten ihr Werk zu Beginn des Films als „wahre Geschichte“, nur um diese Behauptung im Abspann wieder ad absurdum zu führen. Nur ein schlechter Scherz der Filmemacher?

Es ist mehr als das. Die Coens spielen gern mit der Rolle der „unzuverlässigen Erzähler". Dabei geht es nicht darum, das Publikum an der Nase herum zu führen. Es ist vielmehr ein Stilmittel, das die Fiktion über die Wirklichkeit erhebt und somit die Realität hinterfragt. Sind nicht alles letztlich Geschichten aus der einen oder anderen Perspektive?

In A SERIOUS MAN, ihrem vielleicht persönlichsten Werk, verwebten die Coens mit großer Lust am Fabulieren ihre ganz persönlichen Kindheitserinnerungen mit der Hiobs-Geschichte. Obwohl das Schicksal des armen Larry Gopnik hier bis ins Fantastische überdreht wird, steckt darin mehr Wahrhaftiges über die Coen-Brüder, ihre Herkunft und den Ursprung ihres zutiefst jüdischen Humors als in all ihren anderen Filmen.

In DER STERN VON INDIEN reisen wir ebenfalls in die Vergangenheit. Allerdings nicht in die 60er Jahre, sondern zurück ins Jahr 1947. Regisseurin Gurinder Chadha widmet sich in ihrem Film, der aktuell im Kino läuft, der dramatischen Teilung Indiens, von der auch ihre Großeltern direkt betroffen waren. Deshalb war es Chadha ein besonderes Anliegen, diesen dunklen Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im folgenden prüfen wir sowohl ihr Werk als auch ein paar weitere Filme unter dem Label „Nach einer wahren Geschichte" auf ihren Wahrheitsgehalt. Alle Spielzeiten zum Film findest du übrigens auf einen Blick mit einem Klick hier:

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„The King's Speech“ (2010)

Thematisch verwandt mit DER STERN VON INDIEN ist der vierfach oscarprämierte Film „The King's Speech“. Auch hier dreht sich die Handlung um ein Mitglied der britischen Königsfamilie vor dem Hintergrund großer weltpolitischer Umwälzungen. Die Geschichte von König Georg VI., dessen Stottern ihm bei öffentlichen Reden zum Verhängnis wird, mag eine komische, fast unglaubwürdige Prämisse sein. Aber stimmt das Gezeigte vielleicht wirklich mit der Realität überein?

Tatsächlich hielt sich Regisseur Tom Hooper überwiegend an die Fakten. König Georg VI. war schon als Kind ein Stotterer und litt noch als König unter diesem Sprachfehler. Erst die Sitzungen mit dem australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue verbesserten seine Sprachfähigkeiten merklich. So gelang die im Film gezeigte Rundfunkansprache gegen Ende auch in Wahrheit nahezu fehlerfrei. Natürlich gab es ein paar erfundene Ergänzungen bzw. Auslassungen, um die Handlung in zwei Stunden erzählen zu können. Aber: Die unkonventionellen Methoden von Logue führten wirklich zum Erfolg. Ob die beiden Männer allerdings exakt diese Übungen vollführten?

Fazit: Vieles ist tatsächlich so überliefert. Der Rest wurde kreativ ergänzt.

„The Imitation Game“ (2014)

In dem Drama „The Imitation Game“ nahm man sich dem genialen Mathematiker Alan Turing an, um diesem ein filmisches Denkmal zu setzen. Der Brite war maßgeblich an der Entschlüsselung der Funksprüche beteiligt, die das deutsche Militär mit der Enigma-Maschine im 2. Weltkrieg absetzte. Seine Arbeit wurde auch noch lange Zeit nach dem Krieg unter Verschluss gehalten. Aufgrund seiner Homosexualität wurde Turing 1952 zur chemischen Kastration verurteilt. Er wurde depressiv und beging zwei Jahre später Selbstmord.

An diesen Kernpunkten in Turings Biographie orientiert sich auch Morten Tyldums Film. Leider nahm es der Regisseur mit dem Rest nicht so genau. Historiker kritisierten die zahlreichen Falschdarstellungen im Film. So tauchen nicht nur Anachronismen, wie z.B. die vorzeitige Verwendung von Tipp-Ex, auf. Besonders die Persönlichkeit Turings und verschiedene Vorgänge im Film entsprechen, laut Experten, nicht der Wahrheit. Böse Zungen sahen das Werk sogar als eine Beleidigung des mathematischen Genies an. Abgesehen davon steht die filmische Qualität von „The Imitation Game“ außer Frage, wie 8 Oscar-Nominierungen und eine Auszeichnung für das Beste adaptierte Drehbuch schon andeuten. In puncto Wahrheitsgehalt lässt „The Imitation Game“ allerdings arg zu wünschen übrig.

Fazit: Ziemlich frei interpretierte Filmbiographie.

12 YEARS A SLAVE (2013)

So unglaublich wie es klingen mag, aber die Geschichte des freien Afroamerikaners Solomon Northup, der im Jahr 1841 in die Sklaverei verkauft wurde und die titelgebenden 12 Jahre auf seine Freiheit warten musste, ist wahr. Chiwetel Ejiofor spielt den Protagonisten, der die gleichnamigen Memoiren über sein Schicksal schrieb.

Regisseur Steve McQueen hielt sich weitestgehend an die Buchvorlage, leistete sich aber auch ein paar kreative Freiheiten. Inwiefern die Erlebnisse Northups der Realität entsprechen, kann sowieso nicht mehr eindeutig nachgewiesen werden. Die entscheidenden Szenen des Films entsprechen jedoch der Überlieferung, weshalb das Gezeigte nur umso wirkungsvoller daherkommt. Das Drama erhielt 3 Oscars (u.a. als Bester Film) und gilt als wichtiger Beitrag zum Thema Sklaverei.

Fazit: Historisch korrektes, aufwühlendes Zeitdokument.

AMERICAN HUSTLE (2013)

Auch diese aberwitzige Geschichte um charismatische Betrüger, korrupte Politiker und zickige Ehefrauen beruht auf einer wahren Begebenheit. Als Inspiration für den Film diente eine verdeckte FBI-Operation in den 1970er-Jahren namens ABSCAM, die zur Verurteilung von gleich mehreren hochrangigen Beamten und Regierungsmitgliedern der Vereinigten Staaten führte. Ein Stoff, der wie gemacht ist für eine hintersinnige Krimi-Komödie mit Stars wie Christian Bale (AUGE UM AUGE), Jennifer Lawrence („Die Tribute von Panem“) und Bradley Cooper („Hangover“).

Dass die Charaktere des Films bewusst überzeichnet sind, verzeiht man Regisseur und Drehbuchautor David O. Russell gerne. Das Hauptaugenmerk liegt bei AMERICAN HUSTLE sowieso weniger auf der historischen Genauigkeit, sondern vielmehr auf den abstrus-witzigen Situationen, in die die Figuren geraten. Immerhin konnte das Zeitkolorit der 1970er mit Hilfe von Ausstattung und Kostümen perfekt eingefangen werden. Insgesamt erhielt die Gaunerkomödie ganze 10 Oscar-Nominierungen. Würde es eine Kategorie für die wahrheitsgetreueste Verfilmung geben, wäre AMERICAN HUSTLE aber wohl nicht nominiert worden.

Fazit: Biegt sich die Wahrheit etwas zurecht - ganz im Stile der Protagonisten.

„Selma“ (2014)

Wer ein Biopic über Martin Luther King jr. inszeniert, der steht automatisch unter besonderer Beobachtung. Immerhin gehört der Bürgerrechtler zu den bedeutsamsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Regisseurin Ava DuVernay machte jedoch zumindest historisch alles richtig und bezog sich für ihren Film hauptsächlich auf überlieferte Quellen, was das Drama zu einem authentischen Porträt des Freiheitskämpfers werden ließ. Auf der amerikanischen Statistik-Webseite INFORMATION IS BEAUTIFUL, die bestimmte Filme auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht, kommt „Selma“ - bei Gewährung einer gewissen Flexibilität - auf einen Wert von 100%. 

Diese Glaubwürdigkeit äußert sich vor allem auch in der Besetzung von David Oyelowo in der Hauptrolle. Nicht nur durch sein Schauspiel kommt er Martin Luther King jr. erstaunlich nahe, auch optisch sieht er dem realen Vorbild verblüffend ähnlich. 

Fazit: So wahrheitsgetreu, dass die Dramatik manchmal daran zu ersticken droht.

INTO THE WILD (2007)

Bei all der Tragik, die Sean Penns melancholisches Meisterwerk INTO THE WILD beinhaltet, wünscht man sich fast, dass die Handlung nur ein Hirngespinst des Regisseurs wäre. Jedoch ist die Geschichte des Aussteigers Christopher McCandless, der in die Wildnis aufbricht, um ein Leben fernab jeglicher Zivilisation zu führen, nicht erfunden. Emile Hirsch (TAKING WOODSTOCK) übernahm die Hauptrolle im Film und trägt einen Großteil dazu bei, dass das Schicksal seiner Figur so zu Herzen geht.

INTO THE WILD basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Jon Krakauer, der darin das Abenteuer von McCandless beschreibt und sich dabei auf dessen Aufzeichnungen stützt. Wer die Buchvorlage kennt, weiß, dass prinzipiell alle Szenen des Films der Wahrheit entsprechen. Jedoch kommt Sean Penn natürlich nicht ohne spekulative Ergänzungen aus, die dem Drama eine besondere Note verleihen. McCandless starb 1992 mit gerade einmal 24 Jahren in einem ausrangierten Schulbus in Alaska.

Fazit: Sehr nah an der wahren Geschichte. Wenn auch die Bilder fast zu schön sind, um wahr zu sein.

„Erin Brockovich“ (2000)

Julia Roberts' Paraderolle als titelgebende Erin Brockovich brachte der Schauspielerin den Oscar als Beste Hauptdarstellerin ein und machte gleichzeitig auf den bis dahin größten Schadensersatzfall in der Geschichte der USA aufmerksam. Nach diesem zahlte ein Energieversorgungsunternehmen im Jahr 1996 die Rekordsumme von 333 Millionen US-Dollar an Bewohner der kalifornischen Stadt Hinkley, da deren Grundwasser mit Chrom verseucht wurde. Die Rechtsanwaltsgehilfin Brockovich war damals für die Aufdeckung dieses Umweltskandals verantwortlich.

Regisseur Steven Soderbergh untersuchte den wahren Fall akribisch und nutzte u.a. Zeugenaussagen, Gerichtsakten und Medienberichte, um den Film so akkurat wie möglich zu gestalten. Die Bestätigung, dass dies geklappt hat, kam von der echten Erin Brockovich höchstpersönlich. Diese bezeichnete das Drama nämlich als zu 98-99% wahr. Witzige Anekdote: Brockovich absolvierte einen Gastauftritt im Film als Kellnerin namens Julia.

Fazit: Präzise recherchiert und fast schon dokumentarisch.

DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES (2014)

Alan Rickmans zweite und letzte Regiearbeit vor seinem Tod DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES behandelt das Verhältnis der Titelfigur zu André Le Nôtre, dem Gartenarchitekt des Sonnenkönigs Ludwig XIV. gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Dabei mischt er bewusst Fakten mit Fiktion. Selbstverständlich hat es den berühmten französischen König gegeben und auch der Großteil der restlichen Figuren existierte wirklich, wie man hier im Detail nachlesen kann.

Die Gärtnerin von Versailles Sabine De Barra, verkörpert von Kate Winslet, ist hingegen völlig frei erfunden, was das Werk dann doch mehr zu einem Märchen als zu einem historischen Drama macht. Zum einen ermöglichte dies Rickman, einer fast schon feministischen Agenda zu folgen. Zum anderen ist die Figur Sabine das Zentrum der romantischen Liebesgeschichte im Film. Auch bei einigen Daten erlaubte sich Rickman ein paar Freiheiten. So war Le Nôtre eigentlich 25 Jahre älter als Ludwig XIV., was im Drehbuch einfach umgekehrt wurde. Außerdem wurde der Gärtner bereits 1661 eingestellt und nicht erst 20 Jahre danach, wie es im Film der Fall ist. Doch wer will sich da beschweren, wenn man Kate Winslet bei der Gartenarbeit zusehen kann?

Fazit: Viel Fantasie, aber nicht komplett erfunden.

DER STERN VON INDIEN (2017)

Wie zu Beginn des Artikels bereits erwähnt, dokumentiert Gurinder Chadha in ihrem neuen Film die Ereignisse in Indien im Jahr 1947, die zur Teilung des Landes führten. Die daraus resultierenden gewaltvollen Konflikte spart die Regisseurin hierbei nicht aus und ruft so diese verheerenden Vorkommnisse zurück in das kollektive Gedächtnis der Zuschauer.

Doch auch DER STERN VON INDIEN hat fiktive Elemente. Die verbotene Liebesbeziehung zwischen dem Hindu Jeet (Manish Dayal) und der Muslima Aalia (Huma Qureshi) ist, wie die beiden Charaktere selbst, ein Einfall der Autoren. Dennoch basieren sie entfernt auf den Großeltern Chadhas, die damals durch die Teilung ihr Zuhause verlassen mussten. Durch Jeets und Aalias Geschichte bekommt das Publikum zudem eine andere, persönliche Perspektive auf das Geschehen.

Fazit: Verbindet historische Fakten mit fiktiver, aber gar nicht so weit hergeholter Liebesgeschichte.

Aktuell kannst du DER STERN VON INDIEN auf deutschen Kinoleinwänden bewundern und die Geschichte hautnah erleben.

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Mit von der Partie sind außerdem Hugh Bonneville („Downton Abbey“), Gillian Anderson („Akte X“) und Michael Gambon („Harry Potter“). Zur Einstimmung gibt's hier den Trailer zum Film.

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