Mit seinen Arbeiten für U2 oder Depeche Mode schrieb er Rock-Geschichte: Wie der Fotograf Anton Corbijn zum Filmregisseur wurde.
Mit 17 leiht er sich die Kamera seines Vaters, fotografiert eine Band bei einem Festival und schickt die Bilder an ein Musikmagazin. Sie werden gedruckt und der bis dahin schüchterne Junge entdeckt etwas Praktisches: Mit einer Kamera darf man nach vorn, bis an die Bühne. „Ohne Musik hätte ich nie eine Kamera in die Hand genommen“, sagt er später. Anton Corbijn, Sohn eines Pfarrers aus dem Städtchen Striejen in der Nähe von Rotterdam, wächst in einer calvinistisch-kargen Umgebung auf, aber die Musik führt ihn hinaus in die Welt, auf eine bis heute andauernde Reise, die ihn erst zum kreativen Mastermind für Musikvideos macht – und schließlich auch zum Regisseur von packenden Thrillern wie EIN TALENT FÜRS MORDEN.
Zunächst aber wird Anton Corbijn so etwas wie der Bildmacher von Herman Brood, dem größten Rockstar der Niederlande. 1977 fotografiert er zum ersten Mal Tom Waits, ebenfalls noch in Holland. Doch bald wird es ihm zu eng dort. Corbijn zieht nach London, Ende der Siebziger eine gefühlte Welthauptstadt für neue, aufregende Musik. Ein Ort, an dem es damals in Musik und Kunst immer um alles ging. Ob Punk, New Wave oder Synthie-Pop: Neue Bands veröffentlichten nahezu täglich bahnbrechende Musik. Wer heute an Joy Division denkt, an U2 oder Depeche Mode, denkt an die stilprägenden Bilder von Anton Corbijn, die surrealen Gestalten aus „Walking In My Shoes“, die staubigen Landschaften von „Songs of Faith and Devotion“ oder das Cover von „The Joshua Tree“.
Zunächst aber wird Corbijn Hausfotograf des damals legendären New Musical Express. Zuerst fotografiert er Konzerte, nach drei Monaten sind es Titel, fünf Jahre prägt er den Look Blattes. Der NME ist damals eines der Epizentren der Popkultur, gedruckt auf billigem Papier, in Schwarzweiß, weil es nicht anders geht. Corbijn macht aus der Not einen Stil: starke Körnung, harte Kontraste, Unschärfe. Er fotografiert Menschen an Orten statt im Studio, wie er es von Anfang an getan hat. Er arbeitet meist allein, ohne Licht und Assistenten. Das Unscharfe und Körnige sei für ihn „close to life“, sagt er, scharfe, perfekt ausgeleuchtete Bilder hätten mit seinem Erleben der Welt wenig zu tun.
Depeche Mode: ENJOY THE SILENCE (1990)
Aus manchen Arbeitsbeziehungen werden Lebenslinien. Depeche Mode etwa fotografiert er erstmals 1981 für einen NME-Titel. Heute ist er der kreative Kopf hinter dem Auftritt der Band: Fotos, Videos, Plattencover, Bühnenbilder, seit Jahrzehnten. Für U2 liefert er unter anderem das Bild für „The Joshua Tree“. Corbijn hat rund 100 Musikvideos gedreht, von denen sich viele ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Zum Beispiel:
U2: ONE (1992)
Nirvana: „Heart-Shaped Box“ (1993)
„Menschen fühlen sich meinen Fotos nah, weil darin eine menschliche Note steckt. Meine Bilder sind irgendwie unvollkommen“, sagte Corbijn in einem Interview mit der Zeit. „Für mich ist Unvollkommenheit meine Perfektion.“ Klar, dass einem Multitalent wie ihm bald auch die Redaktionsstuben des NME zu eng wurden. Denn er hatte nicht nur ein Ohr für Indie-Bands, sondern war und ist auch im besten Sinne ein unabhängiger Geist.
2007 nimmt Corbijn dann erstmals Platz auf dem Regiestuhl für einen Kinofilm. Sein Debüt: CONTROL über das Leben von Ian Curtis. Corbijn dreht den Film auf analogem Farbmaterial, das später in Schwarzweiß umgewandelt wird, weil, wie er sagt, seine Erinnerungen an die Band, die er bereits 1979 kennenlernte, schwarzweiß waren, ebenso wie die Plattencover und die Magazine, die sie druckten. Er finanziert den Film größtenteils selbst und muss danach sein Haus in London verkaufen. Doch sein Platz in der Filmgeschichte ist ihm damit sicher, CONTROL wird mit Dutzenden von Preisen prämiert.
2010 folgte der smarte Thriller THE AMERICAN (2010) mit George Clooney.
2014 drehte er A MOST WANTED MAN nach John le Carré mit Philip Seymour Hoffman.
Nicht nur eine exzellent besetzte Spioniage-Story (in weiteren Rollen: Rachel McAdams, Robin Wright, Willem Dafoe, Daniel Brühl, Nina Hoss, Herbert Grönemeyer, Martin Wuttke, Kostja Ullmann), sondern – das gilt für Corbijns gesamtes Filmwerk – auch getragen von exzellenter Ausstattung und vollendeter Bildkomposition.
LIFE (2015) folgt dem Fotografen Dennis Stock (Robert Pattinson), der dem jungen James Dean (Dane DeHaan) begegnet.
Stock sieht in dem kommenden Star seine Chance auf eine Karriere als Fotograf. Es sind zwei Außenseiter, die sich vorsichtig aufeinander zubewegen und sich schließlich im Auftrag des LIFE-Magazins auf eine gemeinsame Fotoreise quer durch die USA begeben. Jetzt kehrt Anton Corbijn zurück mit A TALENT FOR MURDER nach einem Drehbuch der australischen Autorin Joanna Murray-Smith: Wie wäre es, wenn jemand versucht, die zurückgezogen in der Schweiz lebende Autorin Patricia Highsmith davon zu überzeugen, einen letzten Ripley-Roman zu schreiben? Eine grandiose Story für Helen Mirren als Highsmith und Alden Ehrenreich als jungen Verlagslektor, der in die abgründige Fantasiewelt der Krimi-Autorin gezogen wird.
Anton Corbijns spannender Thriller läuft ab 5. November nur im Kino!
Autor/-in: A. Smithee Folge uns auch auf Facebook, Instagram und YouTube.