EIN TALENT FÜRS MORDEN

Die hohe Kunst des Mordens: Patricia Highsmith im Porträt

Helen Mirren
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

Ihr Name verspricht im Kino bis heute Gänsehaut: Patricia Highsmith zählt zu den am häufigsten verfilmten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Was war ihr Geheimnis?

Mit einem Erdbeben anfangen. Und dann langsam steigern. Diese bekannte Formel könnte auch über ihrer Biografie stehen. Denn ihre Karriere begann zumindest mit einem Donnerschlag, als Alfred Hitchcock 1951 gleich ihren ersten Roman verfilmte. Patricia Highsmith war gerade 30 Jahre alt und DER FREMDE IM ZUG (1951) machte sie mit einem Schlag weltberühmt. Jetzt sehen wir sie, mehr als 30 Jahre nach ihrem Tod, in Anton Corbijns EIN TALENT FÜRS MORDEN endlich selbst auf der Leinwand. Helen Mirren spielt sie als fiktionale Figur so brillant und lebensecht, dass uns ihre heimtückische Fantasie auch heute noch gruselt.

 

Helen Mirren
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

Dutzende Male wurden ihre Romane und Erzählungen für Kino und Fernsehen bearbeitet, Highsmith zählt zu den am häufigsten adaptierten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Regisseure wie Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Claude Chabrol oder Todd Haynes brachten ihre Storys auf die Leinwand. Das war kein Zufall: Patricia Highsmith schrieb Geschichten, die schon auf dem Papier spannend wie Filme waren.

Was macht Highsmiths Geschichten bis heute so aufregend?

Die Besonderheit von Highsmiths Krimis liegt weniger in der Konstruktion der Verbrechen als in der Perspektive: Während der klassische Kriminalroman fragt, wer es war, fragt Highsmith, wie jemand mit seiner Tat lebt. Tom Ripley, den sie 1955 erfand, ist dafür das Muster: ein Betrüger und Mörder, dem wir wie ein Beobachter hinterherschleichen, bis wir ihm beinah die Daumen drücken. Dazu kam, was Highsmith von sich selbst in diese Figur legte. Sie unterschrieb Briefe mit „Tom“ und sagte, sie habe beim Schreiben manchmal das Gefühl gehabt, er schreibe selbst. Sie hat ihn in fünf Romanen niemals auffliegen lassen. Andere kamen nicht ungeschoren davon, wie die beiden Fremden, die im Zug zwei perfekte Morde planen, um sich gegenseitig von verhassten Angehörigen zu befreien.

 

Schon als Kind las sie Psychologiebücher statt Märchen. Besonders faszinierten sie Fallgeschichten:

„Kleptomanen, Pyromanen, Serienmörder – praktisch alles, was mental falsch laufen konnte. Die Tatsache, dass es sich um reale Fälle handelte, machte es so interessant und sehr viel wichtiger als Märchen. Ich merkte, dass diese Leute äußerlich völlig normal aussahen, und dass ich von solchen Menschen umgeben sein könnte.“

Menschen wie das reizende Ehepaar in STILLE WASSER (2022) von Adrian Lyne mit Ben Affleck und Ana de Armas, nach dem Roman „Deep Water“ von 1957, der erstmals 1981 mit Isabelle Huppert verfilmt wurde.

 

Ausgangspunkt ist fast immer eine Situation, kein Plan: ein Zeitungsfund, ein Zufall, ein irritierender Moment, aus dem Highsmith die Handlung erst entwickelt. Das erklärt, warum ihre Stories so organisch wirken. Das Verbrechen wird nicht erfunden, um ein Rätsel zu stellen, sondern es wächst aus Menschen, die in eine Lage geraten, der sie nicht gewachsen sind. Highsmiths Kunstverständnis ist dabei radikal: Kunst, schreibt sie, habe nichts mit Moral oder Konvention zu tun.

Gibt es eine Highsmith-Formel?

Sie selbst sagte dazu:

„Es gibt kein Geheimnis für den Erfolg beim Schreiben außer Individualität – oder nennen Sie es Persönlichkeit. Und da jeder Mensch anders ist, liegt es allein an jedem Einzelnen, seine Andersartigkeit gegenüber anderen zum Ausdruck zu bringen. Das nenne ich die Öffnung des Geistes. Aber das ist nichts Mystisches. Es ist lediglich eine Art von Freiheit – organisierte Freiheit.“

Highsmith ersetzt das Rätsel durch das Mitgehen. Wir wissen, was der Täter getan hat, und zittern trotzdem mit, weil sie uns seine Angst, seine Tricks und seine Erleichterung aus nächster Nähe erleben lässt. Daraus entsteht eine Spannung, die sich nicht auflöst, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, denn sie liegt in unserer eigenen Komplizenschaft. Dazu kommt ihr Blick auf das Gewöhnliche: Bei ihr lauern die Abgründe im Alltag, in Freundschaft, Ehe, Nachbarschaft, nicht in fernen Schurkenwelten. Ein Blick, eine Geste, ein verschwiegener Satz tragen die Handlung. Highsmiths Geschichten sagen uns nie, was wir von ihnen halten sollen. Das macht sie unbequem, und es hält sie lebendig. Jenseits der bekannten Ripley-Verfilmungen reicht die Bandbreite von Hitchcock-Klassikern über Claude Chabrols DER SCHREI DER EULE (1987) bis zu Hossein Aminis DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS (2014) mit Viggo Mortensen, Kirsten Dunst und Oscar Isaac.

 

Und dann ist da CAROL (2015): Todd Haynes drehte dieses preisgekrönte queere Liebesdrama nach Highsmiths teilweise autobiographischem zweitem Roman „Salz und sein Preis“ von 1952. Highsmith hat zeitlebens Frauen geliebt, auch wenn sie sich mithilfe von Psychoanalyse und einer kurzfristigen Verlobung davon zu befreien versuchte. Der gesellschaftliche Druck auf gleichgeschlechtlich Liebende war damals so immens, dass Highsmith das Buch unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlichte. Obwohl es millionenfach verkauft wurde, bekannte sie sich erst 40 Jahre später, kurz vor ihrem Tod, dazu.

 

Highsmith lebte ihre Sexualität im New York der 40er, 50er und 60er zwar intensiv, aber im Verborgenen. Sie fürchtete, ein Outing hätte das Ende ihrer Karriere bedeutet. Aber in den 1960er-Jahren zog es sie, die immer unter der Enge der New Yorker Wohnungen gelitten hatte, nach Europa. Sie lebte in England und Frankreich und ab 1981 im Tessin, zuletzt in einem selbst entworfenen Haus in Tegna, unweit von Locarno am Lago Maggiore. In der Schweiz hatte sie Ruhe und die Nähe zu ihrem Hauptverlag Diogenes in Zürich. Glücklich war sie dort nicht immer: Die Winter machten ihr zu schaffen, die Jahre in Tegna waren einsam.

 

Helen Mirren
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Nach ihrem Tod 1995 wurden in ihrem Haus rund 8000 Seiten privater Notizen gefunden. 2021 erschien daraus die Auswahl „Tage- und Notizbücher“. Sie zeigen eine Schriftstellerin, die Ideen sammelte, ihre Liebesstürze protokollierte und ihr Leben in Material verwandelte. Der Dokumentarfilm LOVING HIGHSMITH (2022) ließ Highsmiths (Liebes-)Leben in einem neuen Licht erscheinen. Der Film schaut weniger auf die Autorin als auf die Liebende, die sich als Außenseiterin begriff, und zeichnet nach, wie sehr sie unter Zurückweisung litt und welche Kraft sie daraus für ihr Schreiben zog.

 

Die australische Autorin Joanna Murray-Smith ist einen anderen Weg gegangen: In ihrem international erfolgreichen Theaterstück „Switzerland“ hat sie sich ausgemalt, wie es wäre, wenn jemand versucht, Highsmith in ihrer Schweizer Abgeschiedenheit davon zu überzeugen, einen weiteren Ripley zu schreiben und dabei in die Fänge ihrer heimtückischen Fantasie geriete. Murray-Smith hat ihr Stück selbst als Drehbuch adaptiert und Anton Corbijn hat es mit Helen Mirren und Alden Ehrenreich als packenden Thriller verfilmt.

 

EIN TALENT ZUM MORDEN läuft ab 5. November nur im Kino!

Autor/-in: A. Smithee

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