Dame Helen Mirren ist so etwas wie das britische Pendant zu Meryl Streep: Seit 50 Jahren prägt sie das internationale Kino in großen Rollen und legt dabei eine unfassbare Wandelbarkeit an den Tag.
Die Oscar®-Preisträgerin spielt würdevolle Monarchinnen genauso überzeugend wie abgebrühte Killerinnen. Die perfekte Mischung für die vielschichtige Hauptrolle in Anton Corbijns neuem Kinofilm A TALENT FOR MURDER: Darin ist Helen Mirren als Thriller-Ikone Patricia Highsmith zu sehen, der Autorin von Krimi-Klassikern wie „Der Talentierte Mr. Ripley“. Herrlich grantig und undurchschaubar liefert sie sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem jungen Lektor, gespielt von Alden Ehrenreich. Wir stellen die Ausnahmeschauspielerin vor, die uns auch mit über 80 Jahren noch in ihren Bann zieht und verraten – passend zu ihrem neuen Film –, welches geheime Talent sie hat.
Am 26. Juli 1945 wurde Helen Mirren als Ilyena Vasilievna Mironov in London geboren. Ihr aus Russland stammender Vater zog die Famiie fernab von der Welt des Hollywood-Glamours groß und trotzdem wusste die kleine Helen früh, was sie werden wollte:
„Wir sind ohne Fernsehen aufgewachsen und waren nie im Kino. Nach Hamlet wollte ich nur noch zurück in diese Welt, in der all diese fabelhaften Dinge möglich sind.“
Sie wollte nicht nur Schauspielerin werden, sie wollte eine von den ganz Großen sein. Dass sie das Zeug dazu hat, wusste Mirren bereits nach ihrem Schulabschluss und ihre Zuversicht war berechtigt: Mit 19 Jahren wurde sie als jüngstes Mitglied in die Royal Shakespeare Company aufgenommen, wo sie in „Viel Lärm um nichts“ und „Wie es euch gefällt“ auf der Bühne glänzte.
Die Rolle der Cleopatra in Shakespeares „Antonius und Cleopatra“ bedeutete 1965 ihren Durchbruch und bald kamen erste Filmangebote. DAS MÄDCHEN VOM KORALLENRIFF (1969) war ihre erste große Kinorolle. Als „wildes“ Mädchen verliebt sie sich in den 35 Jahre älteren James Mason. Kultstatus erlangte Mirrens Rolle der verführerischen Zauberin Morgana in John Boormans Verfilmung der Artus-Legende EXCALIBUR (1981). Mit ihrem Auftritt verschlug sie nicht nur dem Publikum, sondern auch ihrem jungen Schauspielkollegen Liam Neeson den Atem:
„Sie kam in ihrem Kostüm auf mich zu und ich dachte ,Fuck!' Es war sofort verliebt.“
Die beiden waren bis 1985 ein Paar und sind einander bis heute tief verbunden.
Im Folgenden arbeitete Mirren mit bedeutenden Regisseuren zusammen und drehte für das Kino mit Peter Weir in MOSQUITO COAST (1987) und Peter Greenaway in dessen Satire DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER (1989). Währenddessen etablierte sie im Fernsehen ab 1991 quasi im Alleingang ein ganz neues Genre: Die Serie HEISSER VERDACHT wurde ein Meilenstein der TV-Geschichte. Die von Mirren gespielte Jane Tennison brach nicht nur mit dem Klischee der heldenhaften Ermittlerfigur, sondern ebnete auch den Weg für weibliche Protagonistinnen und düstere, charaktergetriebene Krimiserien.
Parallel dazu war Mirren weiterhin auf der großen Leinwand erfolgreich: Aus dem hochkarätigen Cast von Robert Altmans GOSFORD PARK (2002), u.a. bestehend aus Maggie Smith, Michael Gambon und Kristin Scott Thomas, stach Mirren derart hervor, dass sie für ihren zweiten Oscar® nominiert wurde. Ihrer eigenen Persönlichkeit ziemlich nah kam die Rolle der Chris Harper in der Komödie KALENDER GIRLS (2004). Die findige Chris bringt frischen Wind in das angestaubte Leben ihres Dorfs, als sie vorschlägt, sich für den alljährlichen Benefiz-Kalender nackt ablichten zu lassen. Ihre unkonventionelle Idee lässt nicht nur die reifen Damen in ihrer Frauengruppe wieder aufblühen, sondern bringt auch noch eine Menge Geld für den guten Zweck.
Äußerst würdevoll trat Mirren hingegen 2003 zur Verleihung des britischen Ordens auf: Königin Elizabeth II ernannte sie aufgrund ihrer herausragenden Verdienste um das britische Theater und den Film zur „Dame Commander Of The British Empire“. Dabei hatte Mirren die größte und einflussreichste Rolle noch vor sich. 2007 stand ganz im Zeichen britischer Monarchinnen und wurde ihr Jahr. Los ging es mit den Golden Globes, die Mirren in einem außergewöhnlichen Siegeszug gleich zweifach auszeichneten: Als Beste Hauptdarstellerin für den Fernsehzweiteiler ELIZABETH I, in dem Mirren die titelgebende Königin spielte, die eine kulturelle Blütezeit und das britische Empire begründete und als Beste Hauptdarstellerin (Drama) in Stephen Frears’ DIE QUEEN.
Mirren brillierte in der Rolle der stoischen Monarchin, die nach dem Tod von Lady Di die schwerste Krise ihrer Regentschaft erlebt. Eine Rolle, die sie endgültig in den Schauspiel-Olymp aufsteigen ließ und endlich auch mit dem Oscar® belohnt wurde. Die vierte Nominierung bei den Academy Awards® erhielt Mirren für eine Frau, die nicht weiter hätte entfernt sein können von der britischen Königin: Als Ehefrau von Tolstoi im Historiendrama EIN RUSSISCHER SOMMER (2010) grub Mirren ihre russischen Wurzeln aus und spielte völlig befreit und voller Leidenschaft.
Ihr Erfolg in Hollywood hielt sie nicht davon ab, weiterhin große Rollen im Theater zu spielen. Auch auf der Bühne verhalf ihr die Queen zu höchsten Ehren und so wurde Mirren für ihre Darbietung in Peter Morgans Theaterstück „The Audience“ u.a. mit dem Laurence Olivier Award und dem Tony Award ausgezeichnet. Königlich wurde es auch in der opulenten Fernsehproduktion CATHERINE THE GREAT (2019): Die zeigt Mirren als mächtige Alleinherrscherin über das große Zarenreich.
Eine Rolle, ganz nach ihrem Geschmack. Denn bei den vielen Rollen, die Mirren spielt, sind ihr die, die auf realen historischen Persönlichkeiten basieren, die liebsten, wie sie kürzlich auf dem FilmFest Hamburg verriet:
„Das Leben ist immer interessanter als die Fiktion, und die Figuren, die ich gespielt habe – Elisabeth I., Katharina die Große von Russland, Elisabeth II. –, sind immer interessanter als jede Figur, die sich ein Autor ausdenken kann. Sie sind immer vielschichtiger und überraschender. Man muss eine Figur wie ein Detektiv untersuchen.“
Die Untiefen der Patricia Highsmith im Thriller EIN TALENT FÜRS MORDEN zu erkunden, dürfte für Mirren also ein ganz besonderer Hochgenuss gewesen sein.
Mirren hat aber noch eine ganz andere, wilde Seite. In den 70ern ließ sie sich einmal betrunken ein Tattoo stechen, als sie ein Indianerreservat in den USA besuchte. Auch im Alter hat sie nichts von ihrer Unerschrockenheit und Neugier verloren. Mit 78 Jahren stahl sie den jüngeren Stars in Cannes dank ihrer blauen Haare die Show.
Der mutige Look inspirierte Mattel sogar dazu, eine eigene Barbie zu kreieren. Auch in ihrer Karriere wagte sie nochmal etwas Neues: Während andere mit 65 in Rente gehen, zeigte Mirren im hochkarätig besetzten Agententhriller R.E.D. – ÄLTER, HÄRTER, BESSER, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Die augenzwinkernde Kaltschnäuzigkeit, mit der Mirren die Agentin Victoria Winslow in dem Action-Spektakel und dessen Fortsetzung spielt, blitzt auch in ihrer Darstellung der Patricia Highsmith durch.
Einmal im Genre angekommen, hatte Mirren Blut geleckt und fand in der erfolgreichen FAST & FURIOUS-Reihe die perfekte Gelegenheit, gleich zwei ihrer großen Leidenschaften auszuleben: Rasantes Autofahren und Vin Diesel! Der ist nämlich Helen Mirrens offiziell erklärter Promischwarm:
„Ich LIEBE Vin Diesel! Er hat diese wunderschöne Stimme, eine Mischung aus geschmolzenem braunen Zucker und Honig.“
Und die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit.
Und so spielt Mirren seit FAST & FURIOUS 8 (2017) die Rolle als Mutter von Jason Stathams Deckard Shaw in bislang drei Filmen. Dabei sitzt sie so oft es geht selbst hinter dem Steuer und rauschte u.a. an der Residenz der Queen vorbei. Mirrens Abenteuerlust hält offenbar auch ihre Liebe zu ihrem Mann frisch: Seit drei Jahrzehten ist sie glücklich mit dem Regisseur Taylor Hackford liiert. Ob der manchmal ihr geheimes Talent zu spüren bekommt? Sie kann nämlich ordentlich die Peitsche knallen lassen:
Dass sie auch virtuos mit dem Messer umgehen kann, zeigt Mirren in EIN TALENT FÜRS MORDEN, der ab dem 5. November überall im Kino läuft!
Autor/-in: J. Leipnitz
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