EIN TALENT FÜRS MORDEN

Der beste Krimi aller Zeiten? Die unendliche Faszination des talentierten Mr. Ripley

Alden Ehrenreich
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

Seit mehr als 70 Jahren schaut die Welt gebannt zu, wie Thomas Ripley verführt, betrügt und mordet. Ein Überblick über seine wichtigsten Film- und Serien-Auftritte.

Er verlor seine Eltern, als er fünf war und wurde als Waisenkind von einer geizigen und kaltherzigen Tante großgezogen. Geboren aber wurde Thomas Ripley 1955 aus der Fantasie der Schriftstellerin Patricia Highsmith. Fünf Romane widmete sie ihrem berühmten Protagonisten. Sie wurden Besteller und schon bald betrat Ripley die Leinwand, in Gestalt unter anderem von Alain Delon, Dennis Hopper, Matt Damon oder John Malkovich. Nun kehrt er zurück, oder zumindest eine Hommage an ihn: In EIN TALENT FÜRS MORDEN spielt Oscar®-Preisträgerin Helen Mirren seine Erfinderin Patricia Highsmith.

 

Alden Ehrenreich, Helen Mirren
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

In dem neuen Kinofilm versucht der junge New Yorker Lektor Ridgeway, die zurückgezogene Autorin zu einem finalen Ripley-Roman zu überreden. Sie willigt ein, aber nur unter einer Bedingung: Ridgeway muss ihr zum perfekten Mord verhelfen. Ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dessen Verlauf sich beide fragen müssen, wer hier eigentlich gerade die Fäden zieht.

 

Helen Mirren
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

Highsmith selbst charakterisierte Ripley als „charmant, sympathisch und durch und durch amoralisch.“ Und die Faszination für ihn liegt vor allem in einem Widerspruch: Ripley ist ein Mörder, und trotzdem wünschen sich viele Leser:innen und Zuschauer:innen, dass er davonkommt. Denn seine Beweggründe liegen in seiner bescheidenen Herkunft. Darin liegt der Antrieb für sein Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg oder überhaupt nach einem anderen Leben, danach, jemand komplett anderes zu sein. Eine Sehnsucht, die viele Menschen teilen, damals wie heute. „Wir haben alle eine dunkle Seite“, sagt die fiktive Patricia Highsmith in EIN TALENT FÜRS MORDEN.

 

Helen Mirren
EIN TALENT FÜRS MORDEN, Rechte bei Tobis

Die reale Highsmith berichtete, Anfang der 1950er habe sie der Anblick eines einsamen Mannes am Strand von Positano zu Ripley inspiriert. Unruhig und verloren habe er gewirkt. Die damals schon gefeierte Autorin identifizierte sich mit Ripley mehr als mit jeder anderen ihrer Figuren und unterschrieb Briefe an Freund:innen gelegentlich mit „Tom”. Ripley war als Figur schon derart lebendig, dass Highsmith erzählte, sie habe oft das Gefühl gehabt, Ripley schreibe selbst, und sie tippe nur. Eine Arbeitsweise, die wir ähnlich auch in EIN TALENT FÜRS MORDEN sehen und uns fragen: Wer schreibt hier wen? Ripley jedenfalls, dieser Kleinbetrüger, 25 Jahre alt, ohne Bankkonto und festen Wohnsitz, zog hinaus in die Welt und hält sie bis heute in Atem. Hier ein Überblick über seine wichtigsten Film- und Serien-Auftritte:

NUR DIE SONNE WAR ZEUGE (1960)

Anders als im Roman, in dem Ripley ungestraft entkommt, wird er in dieser ersten Verfilmung des Mordes überführt.

 

Highsmith äußerte sich zwar positiv über die Besetzung der Hauptrolle mit Alain Delon, verlieh jedoch gleichzeitig ihrem Missfallen über den geänderten, moralisierenden Schluss Ausdruck. In seiner Rezension beschrieb der berühmte Filmkritiker Roger Ebert Ripley als

„einen überzeugten Hedonisten, der großen Wert auf Komfort, zurückhaltenden Geschmack und kultivierte Interessen legt. Er hat wunderbare Beziehungen zu Frauen, die nie ganz verstehen, wer oder was er ist. Er pflegt Freundschaften – echte Freundschaften – mit vielen seiner Opfer. Seine Verbrechen sind wie Züge in einer Schachpartie; er versteht, dass er, so sehr er seine Gegner auch mögen und respektieren mag, am Ende mit einem ‚Schachmatt‘ schließen muss.“

DER AMERIKANISCHE FREUND (1977)

Regisseur Wim Wenders verlegte weite Teile der Handlung von Frankreich nach Hamburg, und Hauptdarsteller Dennis Hopper machte sich Ripley zueigen, wie es weder Wenders noch Highsmith vorhergesehen hatten. Im Buch ein Lebemann, ist Ripley in Wenders’ Film ein heimatloser Charakter, der Bob Dylan singt. Sein Gegenspieler, der großartige Bruno Ganz, misstraut ihm zunächst, dann entwickelt sich zwischen beiden eine sonderbare Freundschaft Dennoch: Ripley als schnöder Gangster – Highsmith war not amused.

 

Auch das Publikum war gespalten, denn die Crime-Story ist hier eher beiläufig, es ist die für Wenders in dieser Zeit typische zerrissene Atmosphäre. „In Wenders’ Kinowelt haben Leidenschaften keinen Platz und Gefühle nur, insoweit sie Einsamkeit heißen“, schrieb Der Spiegel damals. „In dieser Welt kann er seine eigenen, ganz persönlichen Geschichten erzählen. Alle anderen jedoch, so scheint es, erfrieren darin.“

DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1999)

Anthony Minghella hatte gerade den Oscar® für DER ENGLISCHE PATIENT ins Regal geräumt, da holte er Ripley mit seiner ebenfalls recht freien Adaption und einem prominenten Cast auf die große Leinwand.

Matt Damon als Ripley wickelt nicht nur Dickie Greenleaf (Jude Law) um den Finger, sondern auch dessen Verlobte (Gwyneth Paltrow). In weiteren Rollen: Cate Blanchett als reiche Erbin und Philip Seymour Hoffman als besorgter Freund der Familie. Er will lieber ein „fake somebody“ sein, als ein „real nobody“ sagt Ripley hier in einer zentralen Szene. Diesen Wunsch hat Minghella ihm erfüllt, seine Verfilmung ist die glamouröseste.

RIPLEY’S GAME (2002)

Die italienische Regisseurin Liliana Cavani verlegte die Handlung nach Berlin und zeigt John Malkovich als coolen, Bonmots heraushauenden, aber ebenso durchtriebenen Hochstapler, der, ebenso wie bei Wenders, auf dem Kunstmarkt aktiv wird. John Malkovich sei „genau der Tom Ripley“, den er sich beim Lesen der Romane vorgestellt habe“, schrieb Roger Ebert. Malkovich habe hier einen seiner „brillantesten und hinterhältigsten Auftritte“. Variety würdigte „Malkovichs elegant maliziöse Vorstellung“, Liliana Cavanis effiziente Regie und den angenehmen Retro-Look.

RIPLEY UNDER GROUND (2005)

Ein solches Füllhorn an Lob wurde RIPLEY UNDER GROUND nicht zuteil. Brian Peeper mühte sich als Ripley redlich unter der Regie von Roger Spottiswoode, doch der Film schaffte es in Deutschland und anderen Ländern nicht ins Kino, sondern wurde nur als DVD veröffentlicht

RIPLEY (2024)

Schwarzweiß. 8 Folgen. Netflix hat es gewagt – und gewonnen. Die Serie wurde nicht nur mit Preisen überhäuft, auch die Kritik überschlug sich. Das Time-Magazin nannte Hauptdarsteller Andrew Scott den „definitiven Ripley“. Diese „prächtige Neuinterpretation“ hauche Ripley neues Leben ein, so der Konsens auf Rottentomatoes.com.

Andrew Scott gibt den Ripley so diabolisch wie berechnend. Doch die Rolle, sagte er, war „geistig und körperlich wirklich anstrengend.“ Er selbst fand es „mühsam“ Ripleys Handlungen nachzuvollziehen, besonders „diese Leere, mit der man sich manchmal nur schwer auseinandersetzen kann.“

Für weitere Erkundungen im Reich des Bösen ist noch Raum. Zwei Ripley-Romane wurden bislang noch nicht verfilmt. Doch darauf müssen wir nicht warten: Die australische Autorin Joanna Murray-Smith hat sich in ihrem international erfolgreichen Theaterstück „Switzerland“ ausgemalt, wie es wäre, wenn jemand versucht, Highsmith davon zu überzeugen, einen weiteren Ripley zu schreiben und dabei in die Fänge ihrer heimtückischen Fantasie geriete. Murray-Smith hat ihr Stück selbst als Drehbuch adaptiert und Anton Corbijn hat es mit Helen Mirren und Alden Ehrenreich als vielschichtigen Thriller verfilmt.

EIN TALENT ZUM MORDEN läuft ab 5. November nur im Kino!

Autor/-in: A. Smithee

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