Schauspielerin, Model, Autorin, Sängerin, Unternehmerin – Hollywood ist zu klein für die vielen Talente von Gwyneth Paltrow.
Sie wurde mitten ins Showgeschäft hineingeboren. Ihr Vater: TV-Produzent, ihre Mutter eine schauspielerische Ausnahmeerscheinung, ihr Patenonkel: einer der erfolgreichsten Regisseure aller Zeiten. Filme zu drehen, sagte sie einmal, sei für sie wie Fahrradfahren: „Man verlernt es nicht.“ Jetzt tritt Gwyneth Paltrow nach sechs Jahren Leinwandpause wieder in die Pedale, für Josh Safdies MARTY SUPREME.
„Ich sah meiner Mutter bei Theaterproben zu. Ich begleitete meinen Vater ins Studio. Das war jedes Mal, als würde ich eine andere Welt betreten. Diese Atmosphäre ist mir in Fleisch und Blut übergegangen“, sagt Gwyneth Paltrow. Und doch hat sie im Lauf ihrer Karriere eine gesunde Distanz zu Bling-Bling und Glamour entwickelt:
„Am Ende des Tages kehre ich zu meinem eigenen Selbst zurück. Ich sehe das nüchtern. Nicht nur, weil ich muss oder wegen meiner Kinder. Ich war schon immer so. Mir haben schon viele Leute gesagt: gerade noch reißt du Witze, und zwei Sekunden später bist du die Heldin in einem britischen Drama. Ich kann das einfach an- und ausknipsen. Damit bin ich groß geworden. Wenn man arbeitet, arbeitet man. Und wenn man zu Hause ist, dann ist man zu Hause.“

In MARTY SUPREME sehen wir Gwyneth als einst gefeierte Filmdiva Kay Stone, die Marty (Timothée Chalamet) und seinem vor Selbstbewusstsein strotzenden Charme nicht lange widersteht. Sie spielt diese Rolle – in der auch ihre eigene Biografie anklingt – gelassen und souverän, als müsste sie niemandem mehr etwas beweisen.
Ein Sprung zurück in die 1990er Jahre. Nach ihrem Kinodebüt SHOUT (1991), in dem sie mit gerade mal 18 Jahren eine kleine Rolle an der Seite von John Travolta spielte, holte ihr Patenonkel Steven Spielberg sie für die Peter-Pan-Adaption HOOK als junge Wendy Darling, in dem sie unter anderem mit Dustin Hoffman, Robin Williams und Julia Roberts spielte.
Klar, Gwyneth gehörte zum Hollywood-Adel. Sie stieg gleich ganz oben ein. Und zeigte bald darauf neben James Caan, Meg Ryan und Dennis Quaid in dem Drama FLESH AND BONE – EIN BLUTIGES ERBE, so die New York Times „warum sich die Kamera auch in Blythe Danners Tochter verliebt“.
Ihre Mutter, das sollten wir hier mit allem Respekt erwähnen, spielte in über 100 Filmen und ist auch mit 83 Jahren noch aktiv. Im Herbst kommt sie an der Seite von Robert de Niro und Ben Stiller wieder ins Kino mit MEINE FRAU, UNSERE SCHWIEGERTOCHTER UND ICH, der vierten Folge des MEET THE PARENTS-Franchises. Für den kleinen Teil der Menschheit, der diesen Spaß nicht kennt, hier ein kleiner Eindruck aus dem ersten Teil:
Aber zurück in die Neunziger: In David Finchers SIEBEN spielte Gwyneth nicht nur die Frau eines jungen Detectives (Brad Pitt), sie war auch in der Realität mit dem Hauptdarsteller verlobt. Die Beziehung endete 1997. Gwyneth sagte später, dass sie, da dies ihre erste Beziehung mit einem anderen Prominenten war, einiges über die nötige Diskretion bezüglich ihres Liebeslebens gelernt habe.
Auch mit Ben Affleck, den sie seit 1997 datete, stand sie vor der Kamera: SHAKESPEARE IN LOVE (1998) wurde ihr Durchbruch und brachte ihr mit 26 Jahren einen Oscar®.
Seit dieser fiktiven Liebesgeschichte zwischen dem Dichter (Joseph Fiennes) und einer jungen Adeligen gilt ihr britischer Akzent als ebenso makellos wie der von Meryl Streep. Und es brauchte wohl einen Briten, der ihn zu schätzen wusste: Es war Chris Martin, Sänger von Coldplay, Vater ihrer beiden Kinder, mit dem sie zehn Jahre verheiratet war. Seit 2014 ist sie mit dem Autor, Regisseur und Produzenten Brad Falchuk liiert.
Rollen wie die in der Jane-Austen-Verfilmung EMMA (1996) oder in der Highsmith-Verfilmung DER TALENTIERTE MR. RIPLEY (1999) festigten ihr Image als Schauspielerin mit Geschmack und Tiefgang. Sie wurde damals häufig mit Grace Kelly verglichen mit der sie „Blondheit, Eleganz, kühle Schönheit und umfassende Star-Qualität“ teilte, wie „The Independent“ es formulierte.
Ein Eindruck, der sich mit Wes Andersons absurder Komödie THE ROYAL TENNENBAUMS (2001) weiter festigte.
Doch schon damals schwang etwas mit, das man erst später klarer erkennen sollte: eine Distanz zum eigenen Ruhm, eine Skepsis gegenüber den Mechanismen, die sie so schnell nach oben getragen hatten. Vielleicht auch durch die übergriffige Begegnung mit dem Produzenten Harvey Weinstein, vor den Dreharbeiten zu EMMA, die sie schon damals mit Brad Pitt besprach. Der habe Weinstein darauf angesprochen und ihm im Fall einer Wiederholung gedroht, ihn umzubringen. Dennoch wurde sie erst rund 20 Jahre später zu einer wichtigen Zeugin bei der Aufklärung von Weinsteins Missbrauchsfällen.

Die Skepsis wurde konkreter, als sich ihr Leben veränderte. Der frühe Tod ihres Vaters, Bruce Paltrow, Produzent und prägende Figur, war ein Einschnitt, den sie später immer wieder als Beginn einer existenziellen Neuorientierung beschrieb. Hinzu kamen Mutterschaft, Ehe, Scheidung – und die Erfahrung, dass Hollywood zwar Rollen anbietet, aber selten Räume öffnet. Gwyneth begann, sich zurückzunehmen.
Außerdem war sie noch in einigen anderen Bereichen erfolgreich, unter anderem als Grammy-prämierte Sängerin, Model, Kinder- und Kochbuch-Autorin und schließlich als Gründerin der Lifestyle-Marke goop, deren ausgefallenes Sortiment einen Jahresumsatz von mehren Hundert Millionen Dollar macht und mit Toys, Jade-Eiern und Duftkerzen mehr Schlagzeilen generiert als mancher Film, sicherlich auch unterstützt durch ihre sexualtherapeutische Netflix-Serie „SEX, LOVE AND GOOP“ (2021)
Ihr Rückzug war jedoch nie vollständig. Gwyneth zog manchmal einfach um, zum Beispiel ins Marvel-Universum. Dort wurde sie als Pepper Potts so etwas wie das emotionale Rückgrat vieler IRON MAN- , AVENGERS- und SPIDER MAN- Filme (ab 2008). Pepper ist die Vertraute und heimliche Liebe von Iron Man (Robert Downey jr.).
Ihre Rückkehr auf die Leinwand nach fast sechs Jahren Abwesenheit erklärt Gwyneth Paltrow nicht als Comeback, sondern als „glückliches Timing“. Die Kinder seien jetzt aus dem Haus und der Anruf von Regisseur Josh Safdie genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen, zumal sie sich auch in die Rolle hineinfühlen konnte. Paltrow spielt Kay Stone, eine Schauspielerin, deren Glanz verblasst ist, die aber nicht verschwinden will. Kay ist kein schmückendes Beiwerk, sondern eine Frau, die ihre Geschichte kennt und trotzdem weitermacht.

Während Timothée Chalamet den Film mit unbändiger Energie aufheizt, ist Gwyneth sein Gegenpol: erfahren, abgeklärt, beinahe stoisch. Sie drängt sich nicht auf – genau darin liegt ihre Wirkung.
Einst schien sie der Inbegriff des amerikanischen Filmtraums. Heute wirkt es, als habe sie Hollywood nicht verlassen, sondern sei weit darüber hinausgewachsen. Sie kommt, wenn es passt. Und sie geht wieder, wenn es genug ist. In einer Branche, die allzu oft auf mediale Dauerpräsenz setzt, ist das vielleicht das sicherste Zeichen wahrer Unabhängigkeit. Weiterhin gute Fahrt!
MARTY SUPREME startet am 26. Februar in den deutschen Kinos.
Für alle Spielzeiten hier klicken
Autor/-in: A. Smithee
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