MARTY SUPREME

Pausenlos im roten Bereich – Die Safdie-Brüder und der fiebrige Puls von New York

Timothée Chalamet
MARTY SUPREME, Rechte bei Tobis

Sie sind Brüder und haben ein Faible für Underdogs und Kämpfernaturen, die sich durch den Dschungel ihrer Heimatstadt schlagen. Darin bleiben sich Josh und Benny Safdie auch nach der künstlerischen Trennung treu.

Die Kamera zittert, die Figuren schreien, die Stadt steht in den Filmen von Josh und Benny Safdie permanent vor dem Nervenzusammenbruch. Ihre Filme spielen vorzugsweise in ihrer Heimatstadt und fühlen sich an, als hätten sie New York direkt an ein EKG angeschlossen. Es zeigt fiebrige Trips, Kakophonien aus Ton, Musik, abrupten Schnitten und Szenen sich überlappender Krisen und Entgleisungen. Pausenlos im roten Bereich. Der Ausnahme- als Normalzustand: das ist, beziehungsweise war, ihre gemeinsame Handschrift. Auch in MARTY SUPREME vibriert diese Hektik in jeder Szene. Auch hier pulsiert der elektrische Soundtrack von Daniel Lopatin zu den rastlosen analogen 35-mm-Filmbildern von Darius Khondji.

 

Aber es gibt einen Unterschied: Josh Safdie hat den Film ohne seinen Bruder gemacht.

Martin Scorsese lässt grüßen

Ausgerechnet nach DER SCHWARZE DIAMANT (2020), ihrem künstlerischen Durchbruch, der, wie Variety schrieb, „einen Vergleich mit Martin Scorseses TAXI DRIVER nicht scheuen müsse“, trennten sich die Wege der beiden Brüder. In DER SCHWARZE DIAMANT verzockt sich der spielsüchtige Diamantenhändler Howard Ratner (Adam Sandler) und schlittert dabei von einer Katastrophe zur nächsten, inklusive eines Auftritts von The Weeknd, der als reale Figur mit Howards Geliebter anbandelt. Howard, dessen Familie längst in Trümmern liegt, beginnt eine Schlägerei. Aber das ist nur eine der vielen ausufernden Situationen in Howards Abwärtsspirale.

 

Zwei Jahre zuvor war es Robert Pattinson, den die Safdies in GOOD TIME nach einem misslungenen Banküberfall durch die New Yorker Nacht irren ließen, um die Kaution für seinen Filmbruder (gespielt von Benny Safdie selbst) aufzutreiben. „Die Geschwindigkeit ist eine eigene Figur“, sagt Benny Safdie über ihr künstlerisches Prinzip der permanenten Spannung. „Es ist wichtig, dass man niemals zum Atemholen kommt.“

 

Auch Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist eine typische Safdie-Figur, inspiriert von der Biografie des New Yorker Tischtennisspielers Marty Reisman, der davon träumt, aus den beengten Verhältnissen in Manhattans Lower East Side auszubrechen, indem er Weltmeister wird – nicht nur mit sportlichen Mitteln. In Hinterzimmern, Bars und Clubs spielt er um Geld, er trickst, borgt und stiehlt.

 

Timothée Chalamet, Tyler Okonma
MARTY SUPREME, Rechte bei Tobis

Ein Underdog mit einem großen Traum – und damit ein geradezu klassischer Charakter eines getriebenen New Yorkers, ein weitläufiger, wenn auch nicht ganz so wohlhabender Verwandter von Martin Scorseses WOLF OF WALL STREET (2013). Ganz nach oben. Dahin wollen in New York alle. If you make it there … Doch Figuren wie Marty Reisman haben keine Yachten oder Ferraris. Für sie heißt es: Hustle to get by. Tricksen, um durchzukommen.

 

Timothée Chalamet
MARTY SUPREME, Rechte bei Tobis

Auch Benny Safdie ist weiterhin fasziniert von ruhelosen Figuren. Sein Solo-Debüt hat er dem Mixed-Martial-Arts-Kämpfer Mark Kerr gewidmet, gespielt von Dwayne Johnson, der unter der Maske kaum zu erkennen ist. Kerrs Opioidsucht und seine nicht immer einfache Beziehung mit seiner Partnerin Dawn (Emily Blunt) werden in streckenweise dokumentarisch wirkenden Bildern zum Portrait eines perfektionistischen und zugleich sensiblen Sportlers verdichtet.

 

Dass Josh und Benny Safdie Brüder sind, ist nicht allein ein biografisches Detail. Es war bis vor kurzem das Betriebssystem ihrer Filme, seit sie als kleine Jungs ihre erste Kamera in Händen hielten. In Interviews sprachen sie allerdings nicht immer nur von Harmonie, sondern oftmals von, nun ja, produktiven Auseinandersetzungen. Aber das ist ein Vorteil bei geschwisterlichen Verbindungen: Man lässt es raus, und danach kann man weiterarbeiten.

In bester Gesellschaft

Geschwister sind keine Partner aus Vernunft. Man kann ihnen nicht kündigen oder elegant aus dem Weg gehen. Und: Waren nicht schon die französischen Brüder Lumière, Erfinder der Filmprojektion, bekannt für ihre Doppel-Villa? Zwei getrennte Haushalte mit gemeinsamem Treppenhaus, klare Zuständigkeiten (kreativ der eine, geschäftlich der andere), man kann jederzeit zusammenkommen, aber auch die Tür schließen. Jahrzehntelang galten die Coen-Brüder als das perfekte Modell brüderlicher Zusammenarbeit: ruhig, lakonisch, fast schon stoisch. Joel und Ethan Coen erklärten ihre Zusammenarbeit einmal damit, dass sie sich so lange kennen, dass man vieles gar nicht mehr diskutieren müsse. Ein Blick reiche. Ein Halbsatz. Auch das ist eine Form von Brüderlichkeit, die Meisterwerke wie THE BIG LEBOWSKI (1998) oder BURN AFTER READING (2008) hervorbrachte.

 

Vielleicht ist genau das die Eigenheit von Geschwistern im Filmgeschäft: Sie kennen nicht nur die besten Seiten des anderen, sondern auch die schwächsten. Man kann einander vertrauen und auch mal grausam ehrlich zu sein. Es gibt bislang keine schlüssige Erklärung, warum es sich bei den produktiven Duos nahezu immer um Brüder handelt – mit Ausnahme der Wachowskis, mittlerweile bekannt als Wachowski Sisters, nachdem Larry zu Lana und Andy zu Lilly wurde. Es war bemerkenswert, wie leise die Coen-Brüder ihre Zusammenarbeit pausierten und sich auf unterschiedliche Einzelprojekte konzentrierten. Es klang nicht nach Trennung, sondern einer Art kreativem Feierabend. Die Safdie-Brüder sind zwar vom Ruhestand noch weit entfernt, doch auch sie gehen seit 2024 getrennte Wege.

Dennoch sagte Benny Safdie, der auch vor der Kamera aktiver wurde (OPPENHEIMER, THE CURSE, HAPPY GILMORE 2) im Interview mit Variety:

„Es ist eine natürliche Weiterentwicklung dessen, was wir jeweils erforschen wollen. Ich werde allein Regie führen und mich mit Themen beschäftigen, die mich interessieren. Ich möchte diese Freiheit jetzt in meinem Leben haben.“

Josh Safdie hingegen hat intensiv an seinem großen Wurf gearbeitet. Nachdem MARTY SUPREME schon mit einem Golden Globe für Timothée Chalamet ausgezeichnet wurde, steht er nun mit neun Nominierungen im Rennen um die Oscars®.

 

Timothée Chalamet, Josh Safdie
MARTY SUPREME, Rechte bei Tobis

Vielleicht muss man sich das Kino der Safdie-Brüder also tatsächlich wie ein EKG vorstellen: immer wieder gut für überraschende Ausschläge. Davon gibt es viele, auch in MARTY SUPREME – Ab 26. Februar im Kino! Sichert euch jetzt schon eure Tickets:

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Autor/-in: A. Smithee

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