Warum hat dieser Mann eigentlich noch keinen Oscar®? Schließlich gehört Edward Norton seit den Neunzigern zum Besten, was die Filmwelt zu bieten hat. Höchste Zeit, sich diesem verkannten Genie zu widmen!
Von A wie AMERICAN HISTORY X bis Z wie ZWIELICHT – Edward Norton liefert einfach immer eine Top-Leistung! Der Spezialist für komplexe Figuren verlieh selbst dem Hulk in einem kurzen Ausflug ins Marvel-Universum eine erstaunliche Charaktertiefe. In der Kinokomödie THE INVITE lässt er uns dieses Jahr als Feuerwehrmann mit einem Gespür für die Bedürfnisse seiner Filmpartnerinnen Penélope Cruz und Olivia Wilde dahinschmelzen und bringt Comedy-Star Seth Rogen an einem verhängnisvollen Abend fast zur Weißglut. Wir nähern uns dem Star, der gerne unter dem Radar fliegt, über seine besten Rollen!

In seiner ersten Filmrolle spielte Norton gleich zwei Figuren, eine echte Herausforderung, die er bravourös meisterte: Der stotternde Messdiener Aaron Stampler (Norton) wird angeklagt, den Erzbischof von Chicago getötet zu haben. Obwohl er blutverschmiert in der Nähe des Tatorts aufgefunden wird, scheint der brutale Mord gar nicht zu dem schüchternen Jungen zu passen. Star-Anwalt Martin Vail (Richard Gere) gibt alles, um Aaron vor Gericht zu verteidigen. Doch „Roy“ hat noch ein Wörtchen mitzureden ...
In einem Interview gab Norton zu, einen Heidenrespekt vor der Rolle gehabt zu haben. Das merkte man ihm nicht an und er wurde prompt für einen Oscar® nominiert. Der erste Beweis, dass er psychologisch komplexe Charaktere mühelos ausfüllen kann. Sein Wandel in der letzten Szene stellt bis heute einen denkwürdigen Kinomoment dar:
Mit einem echten Schlag in die Magengrube ging es weiter: In AMERICAN HISTORY X durchlebt Nortons Figur einen ideologischen Wandel vom hasserfüllten Anführer der Neonazi-Szene zum Aussteiger, der daraufhin selbst die volle Härte seiner ehemaligen Kameraden spürt.
Norton trug den Film nicht nur als charismatischer Hauptdarsteller, sondern war auch am Drehbuch und am Schnitt beteiligt. Dass er selbst für diese Leistung nicht über eine Oscar®-Nominierung als Bester Hauptdarsteller hinauskam, stellt für viele bis heute eine der größten Verfehlungen der Academy dar.
„Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.“
Norton gab in diesem zynischen Abgesang auf den Kapitalismus als zentrale namenlose Identifikationsfigur, die nur noch in der totalen Zerstörung (inklusive des eigenen Selbst) Sinn findet, einer ganzen Generation orientierungsloser Großstädter ein Gesicht.
Heute ist es kaum zu glauben, aber bei seiner Veröffentlichung war der durch seine Konsumkritik und unkonventionelle Erzählweise fast schon unamerikanische Thriller von David Fincher relativ erfolglos. Zitate wie das obige und natürlich Norton als depressiver Gegenpart zu Brad Pitts überzogenem Tyler Durden trugen erheblich zum Kultstatus bei, den FIGHT CLUB heute genießt.
Monty Brogan hat 25 Stunden Zeit, dann muss er eine siebenjährige Haftstrafe wegen Drogenhandels antreten. Er verabschiedet sich von seinen Kumpels und seiner Freundin (Rosario Dawson). Sein Vater (Brian Cox) schlägt ihm allerdings im letzten Moment vor, zu fliehen und woanders ein neues Leben aufzubauen.
Neben Edward Norton spielt das vom Terroranschlag vom 11. September 2001 gezeichnete New York die zweite Hauptrolle. Das Drama von Regisseur Spike Lee entfaltet seine volle Wucht in der Szene, in der Nortons Charakter im Badezimmerspiegel einer Bar eine leidenschaftliche Hassrede auf New York und seine Bewohner hält. Alle bekommen ihr Fett weg: Puerto-Ricaner, Wall Street-Broker, Upper East Side-Schnepfen. Am Ende erkennt Monty, wer das wahre Problem ist: Er selbst.
Der von Norton mit Maske gespielte leprakranke König Balduin ist ein weitsichtiger und gerechter Herrscher, der zur Zeit der Kreuzzüge versucht, den Frieden für sein Reich Jerusalem zu wahren. Norton gelang das Unmögliche: Allein durch seine Augen und Körpersprache erweckte er Balduin zum Leben. Die Presse kürte seine Performance zum absoluten Highlight des ansonsten mäßig aufgenommenen Films:
„Nortons Spiel ist phänomenal und unterscheidet sich so sehr von allem, was er bisher gezeigt hat, dass wir die wahre Vielschichtigkeit seines Talents erkennen können.“ (Movie Insider)
Ridley Scott erschuf mit KÖNIGREICH DER HIMMEL ein historisches Epos, das erst mit dem Director’s Cut zu voller Größe gelangte. Norton hatte bereits vor dem Kinostart darum gebeten, nicht im Abspann genannt zu werden, um seiner Figur ein zusätzliches Mysterium zu verleihen. Diese Entscheidung erwies sich für ihn als Glücksfall. Zutiefst unzufrieden mit der gekürzten Studiofassung, die im Kino gezeigt wurde, distanzierte sich Norton, der seine Rollen stets mit Bedacht und drehbuchorientiert auswählt, öffentlich davon. Die von Scott geschnittene Langfassung gilt mittlerweile unter Filmfans als Meisterwerk und listet Edward Norton ganz offiziell als König Balduin.
Im Autorenfilmer Wes Anderson fand Norton einen Regisseur, der ihn und seine Arbeitsweise zu schätzen wusste. In MOONRISE KINGDOM spielt Norton den pflichtbewussten Scout Master Ward, dem erst einer seiner Pfadfinder-Schützlinge abhanden kommt und dann die ganze Truppe.
MOONRISE KINGDOM war ein echter Überraschungserfolg und Norton fand, was ihm im klassischen Studiosystem immer fehlte: eine kreative Kollaboration. Dass Anderson und Norton ein hervorragendes Team sind, beweisen außerdem noch GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) und THE FRENCH DISPATCH (2021).
Unter der Regie von Alejandro González Iñárritu durfte Norton herrlich befreit aufspielen und gab den egomanischen Theater-Schauspieler Mike Shiner, dessen künstlerische Ambitionen bei Proben mit denen des einstigen Filmstars Riggan Thomson (Michael Keaton) kollidieren.
Die Rolle spielt mit Nortons Ruf, dass die Zusammenarbeit mit ihm schwierig sei. Tatsächlich analysiert er seine Charaktere gern und feilt daran. In einem Business, in dem große Egos aufeinandertreffen, ist sein Stil nicht bei allen beliebt. Dennoch (oder gerade deshalb) verhalf ihm sein Mike Shiner zu großer Anerkennung bei der Kritik und der mittlerweile dritten Oscar®-Nominierung.
Lionel Essrog ist ein zwangsgestörter Underdog mit Tourette-Syndrom, der nach dem Tod seines Mentors (Bruce Willis) ein Rätsel lösen muss. Eine Rolle, bei der Schauspieler gern über das Ziel hinausschießen. Norton blieb sich treu und bewies erneut sein feines Gespür für nuancierte Performances. Er rutschte nicht in Klischees ab und selbst Mitglieder der Tourette-Community lobten ihn für seine Darstellung.
Mit diesem Projekt erfüllte sich Edward Norton einen kleinen Traum: Als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent UND Hauptdarsteller von MOTHERLESS BROOKLYN hatte er vollkommene kreative Freiheit. Neben Bruce Willis gewann Norton auch Bobby Cannavale, Alec Baldwin und Willem Dafoe für sein Mafia-Drama, das für zahlreiche Kritiker-Preise nominiert wurde.
Als Folk-Musiker und Singer-Songwriter Pete Seeger traf Edward Norton nicht nur im übertragenen Sinne die richtigen Töne. Er sang alle Songs selbst, spielte auf die Seeger eigene Weise Banjo und lieferte neben dem hochgelobten Timothée Chalamet eine überzeugende Darbietung als Mentor des berühmten Bob Dylan.
Einmal mehr zeigte Norton, dass die Schönheit seiner Darbietungen auch in den stillen Momenten, der Zurückhaltung liegt. Es folgte Oscar®-Nominierung Nummer 4, die Norton zwar wieder nicht in einen Sieg verwandeln konnte. Doch Norton, der – genau wie Pete Seeger – politisch engagiert ist und sich unermüdlich sowohl für den Umweltschutz als auch für Frieden und Demokratie einsetzt, dürfte das kaum Kopfschmerzen bereitet haben.
THE INVITE ist nun ein Kinofilm ganz nach Nortons Geschmack: Regisseurin Olivia Wilde erarbeitete die Figuren in dieser kammerspielartigen Komödie gemeinsam mit ihren Darstellern. Neben Norton und Wilde selbst stehen Schauspielikonen Penélope Cruz und Seth Rogen vor der Kamera. Herausgekommen ist ein Film voller Witz und Tiefgang, in dem das Aufeinandertreffen von zwei Paaren auf vielerlei Art eskaliert. Mit seinem Charisma und einer beinahe magnetischen Präsenz passt Edward Norton perfekt in seine Rolle und erinnert uns einmal mehr daran, warum er zu den faszinierendsten Schauspielern seiner Generation zählt. THE INVITE startet am 30. Juli nur im Kino!
Autor/-in: J.Leipnitz
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