THE INVITE

Wilde & Co.: Diese 5 Regisseurinnen verändern gerade das Kino

Olivia Wilde
THE INVITE New York Screening, Foto: Michelle Kammerman/BFA

Eine neue Generation von Filmemacherinnen erobert gerade das Kino mit frischen Ideen. Wir stellen 5 vielversprechende Talente vor, die es bereits mit einer Handvoll Filmen geschafft haben, unverwechselbare Spuren in der Kinolandschaft zu hinterlassen.

„Das triumphale Werk einer Filmemacherin, die damit nicht nur sich selbst, sondern nebenbei auch noch ein bisschen das Kino neu erfindet.“ 

Das sagt Filmkritikerin Corinna Götz über Olivia Wildes dritten Kinofilm THE INVITE. Tatsächlich sorgt das neueste Werk der Regisseurin überall für Begeisterung. Manche wittern bereits Oscar®-Chancen …

 

Seth Rogen, Olivia Wilde
THE INVITE, Rechte bei Tobis

Sie ist die erste von fünf Frauen, die das Kino in der jüngsten Vergangenheit mit ihrem außergewöhnlichen Talent bereichert haben und denen wir hier eine Bühne geben wollen. Vorhang auf für:

Olivia Wilde

Bevor sie auf den Regiestuhl wechselte, stand Wilde vor der Kamera. Durch ihre Serienrollen in O.C. CALIFORNIA (2003-2007) und DR. HOUSE (2004-2012) zog sie früh Aufmerksamkeit auf sich. Nach ihrem ersten großen Leinwandauftritt als geheimnisvolle Quorra in TRON: LEGACY (2011) suchte sie gezielt Rollen abseits des reinen Mainstreamkinos. 

 

Die fand sie u.a. in Ron Howards RUSH – ALLES FÜR DEN SIEG (2013) und als verzweifelter Single auf der Suche nach der großen Liebe unter der Regie von Spike Jonze in HER (2014). Der Wechsel hinter die Kamera gelang ihr mühelos und mit beachtlichem Erfolg: Wildes Langfilmdebüt BOOKSMART (2019) erhielt großartige Kritiken und brachte frischen Wind in die Klischee-belastete Welt der Teenagerkomödien.

 

Mit unverbrauchten Hauptdarstellerinnen, cleveren Gags und einer leichten Hand positionierte sich Wilde als eine der hoffnungsvollsten Nachwuchstalente auf dem Regiestuhl. Es folgte ihr kontrovers diskutierter zweiter Film DON’T WORRY DARLING (2022), der traditionelle Rollenbilder innerhalb einer jungen Ehe hinterfragt. Das Drama mit Florence Pugh und Harry Styles in den Hauptrollen verknüpft Thriller mit Science-Fiction und war visuell beeindruckend umgesetzt.

 

Eine ganz neue Richtung schlägt Wilde nun in THE INVITE ein. Erstmals übernimmt sie in einer eigenen Regiearbeit zugleich die Hauptrolle. Beide Aufgaben meistert sie souverän. Während die Kamera das Publikum geschickt durch die Wohnung des Ehepaares Angela (Wilde) und Joe (Seth Rogen) führt, gewinnt das Kammerspiel zunehmend an Tiefe. Zugleich wird die Wohnung selbst zum Spiegel einer Ehe, deren Fassade immer mehr Risse bekommt.

 

Olivia Wilde, Seth Rogen
THE INVITE, Rechte bei Tobis

Edward Norton und Penélope Cruz als verliebtes Pärchen komplettieren das Quartett, das sich an einem Abend messerscharfe Dialog-Duelle liefert. So wirft Wilde in THE INVITE einen ehrlichen, humorvollen und zugleich schmerzhaft präzisen Blick auf Beziehungen.

 

Edward Norton, Penélope Cruz
THE INVITE, Rechte bei Tobis

BOOKSMART räumte etliche Festival- und Kritikerpreise ab. Auch um THE INVITE entsteht derzeit ein Award-Buzz, nachdem der Film beim Sundance Filmfestival bereits einen Bieterkrieg unter den Filmeinkäufern ausgelöst hatte. Wir sind gespannt!

Paola Cortellesi

Der Italienerin Paola Cortellesi gelang 2023 eine Sensation: In ihrem Heimatland schlug ihr Regiedebüt MORGEN IST AUCH NOCH EIN TAG BARBIE und OPPENHEIMER an den Kinokassen. Auch in Deutschland begeisterte die Hommage an die Kraft der Frauen im Italien der Nachkriegszeit das Publikum und die Kritik. 

 

Kino-zeit.de lobte die Inszenierung als „virtuos“ zeigte sich aber auch auf allen anderen Ebenen des Films beeindruckt:

„Sowohl in der Hauptrolle als auch auf dem Regiestuhl beweist Cortellesi ihre Hingabe […] und liefert […] ein Werk, das in Erinnerung bleiben wird.“

In erstaunlich lebendigen Schwarzweißbildern erzählt die zwischen lakonischem Witz und Herzzerreißen changierende Tragikomödie, was es bedeutet, im Rom des Jahres 1946 eine Frau und dreifache Mutter zu sein. 

 

Die Herausforderungen, denen Frauen sich in unserer Gesellschaft seit jeher stellen müssen, ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Cortellesis Karriere zieht. Die Schauspielerin, Komikerin und Sängerin gehört zu den vielseitigsten Stars Italiens. Ihre Fernsehkarriere begann sie als Late Night Show-Moderatorin – eine echte Ausnahmeerscheinung in dem Business. 

Ihre Wandlungsfähigkeit ist enorm. Im Drama MARIA MONTESSORI: EIN LEBEN FÜR DIE KINDER (2007) spielte sie die berühmte Pädagogin, die sich mutig gegen das Frauenbild und Erziehungsmethoden ihrer Zeit stellt und in der Komödie KUSSWECHSEL 2 (2010) ist sie als schlagfertige Singlefrau zu sehen. Hierzulande erobert Paola Cortellesi seit 2020 als verschrobene Ermittlerin Petra Delicato in der Serie MORD IN GENUA – EIN FALL FÜR PETRA DELICATO das Publikum. 

 

Den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere verdankt sie allerdings ihrem Wechsel in die Regie. Hauptrolle und Drehbuch (gemeinsam mit Furio Andreotti und Giulia Calenda) übernahm Cortellesi bei MORGEN IST AUCH NOCH EIN TAG ebenfalls. Der Film wurde sechsfach mit dem David di Donatello-Preis, dem italienischen Pendant zum Oscar®, ausgezeichnet. Zum Thema Frauen in der Regie sagt Cortellesi:

„Als Italienerin und im Allgemeinen hoffe ich, immer mehr Frauen vor und hinter der Kamera zu sehen. So lange, bis männliche und weibliche Perspektiven wirklich gleichberechtigt sind und wir nicht mehr darauf hinweisen müssen.“

Derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Spielfilm. Wir freuen uns jetzt schon!

Greta Gerwig

Als Darstellerin wurde sie zur Ikone des Mumblecore. Auf dem Regiestuhl wurde sie zur kommerziell erfolgreichsten Frau Hollywoods. Als erste Regisseurin knackte sie die 1 Milliarden-Marke an den weltweiten Kinokassen. Aber fangen wir vorne an. Gerwig wurde zunächst als Gesicht des Indie-Kinos der 2000er Jahre bekannt in Hauptrollen von Noah Baumbachs GREENBERG (2010) und FRANCES HA (2013). 

 

Bei Letzterem war sie bereits als Drehbuchautorin auch hinter der Kamera aktiv. 2017 realisierte sie dann ihren ersten Spielfilm LADY BIRD, für den sie auch das lose auf ihren eigenen Erfahrungen basierende Drehbuch schrieb. In Saoirse Ronan fand sie die perfekte Besetzung für ihre entnervte Titelheldin, die auf der Suche nach sich selbst ist.

 

Es folgten fünf Oscar®-Nominierungen und jede Menge Kritikerpreise. Ein Erfolg, der sich bei ihrem nächsten Spielfilm, der jüngsten Leinwand-Interpretation von Louisa May Alcotts berühmten Roman „Little Women“, wiederholte. Kommerziell setzte LITTLE WOMEN, auch dank seiner Starbesetzung, zu der u.a. Timothée Chalamet und Meryl Streep gehören, noch einen drauf. Bei einem Budget von 40 Millionen US-Dollar erreichte der Film weltweite Einnahmen von über 200 Millionen US-Dollar.

 

Die folgende Regiearbeit übertraf dann sämtliche Erwartungen. BARBIE wurde zu DEM Kinoerfolg 2023 und das bei einer Konkurrenz wie Christopher Nolans OPPENHEIMER, DER SUPER MARIO BROS. FILM und dem siebten Teil der MISSION: IMPOSSIBLE-Reihe. Gerwig gelang, was viele für unmöglich hielten: Sie hauchte einem ikonischen Spielzeug Leben ein, mit einer Story, die das Original verehrt und sich gleichzeitig kritisch mit Rollenbildern auseinandersetzt, ohne Abstriche am Unterhaltungswert zu machen.

 

Ryan Gosling als fabelhafter, liebenswert-trotteliger Ken, rasante Musical-Nummern und eine smarte Kampagne machten den Film zu einem echten popkulturellen Phänomen. Gerwig gelingt in ihrer Arbeit ein seltenes Kunststück: Wie wenige andere in der modernen Regiewelt verknüpft sie künstlerischen Anspruch mit kommerziellem Erfolg. Außerdem ist sie die erste Persönlichkeit der Kinogeschichte (egal, ob Mann oder Frau), deren erste drei Solo-Regiearbeiten ausnahmslos für den Oscar® als Bester Film nominiert wurden. Ein Verdienst, den selbst Regie-Legenden wie Spielberg, Scorsese oder Nolan nicht vorweisen können.

Emerald Fennell

Kommen wir zur ersten Oscar®-Gewinnerin. Eines ist bei einem Emerald Fennell-Film garantiert: Er sorgt für Aufsehen! Die in London geborene Regisseurin und Drehbuchautorin war u.a. in britischen Erfolgsserien wie THE CROWN (2016-2023) und CALL THE MIDWIFE - RUF DES LEBENS (2012-2026) zu sehen, bevor sie mit ihrem Regiedebüt PROMISING YOUNG WOMAN (2021) einen perfekten Thriller auf die Leinwand brachte. Darin spielt Carey Mulligan Cassie, eine junge Frau, die sich auf eine gefährliche Mission begibt, nachdem eine ehemalige Kommilitonin sich aufgrund einer Vergewaltigung das Leben nimmt: Cassie spricht in Clubs Männer an, spielt die Betrunkene und erteilt den zudringlichen Ekelpaketen, die ihre scheinbare Hilflosigkeit ausnutzen wollen, eine Lektion.

 

Optisch ein Genuss, inhaltlich ein Schlag in die Magengrube und musikalisch eine perfekte Playlist – PROMISING YOUNG WOMAN ist ein grandioses Debüt und ein Beitrag zur MeToo-Debatte, den man nicht mehr vergisst. In vier Hauptkategorien nominiert, freute sich Emerald Fennell über die Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch bei der Oscar®-Verleihung 2021.

Fennells Arbeiten zeichnen sich durch eine Detailverliebtheit und ganz eigene Bildsprache aus. Eine Besonderheit ihrer Arbeitsweise liegt darin, dass sie den ersten Schnitt ohne Musik ansetzt, um sicherzustellen, dass der Film auch ohne Sound funktioniert. Und tatsächlich transportiert ihre zweite Regiearbeit SALTBURN (2023) in jeder Einstellung das Innenleben der Figuren. Aber Musik ist für Fennell nicht etwa zweitrangig, im Gegenteil. Die Endszene, in der Barry Keoghan nackt durch das titelgebende Anwesen tanzt, ist allein für sich genommen bereits ein Meisterwerk (und verhalf dem Song „Murder on the Dancefloor“ von Sophie Ellis-Bextor zu einem Comeback):

 

Zuletzt geriet die literarische und die Filmwelt in Aufruhr, als Fennell ihr neuestes Werk „WUTHERING HEIGHTS“ (2026) vorstellte. Die opulent ausgestattete Version des Klassikers von Emily Brontë zeigt Margot Robbie und Jacob Elordi als Liebespaar, das sich in seiner düsteren Leidenschaft gegenseitig zerstört. Heutzutage würde man das wohl als toxisch bezeichnen. Das Drama wurde mit Hochspannung erwartet und löste gemischte Reaktionen aus. Aber bei einem waren sich alle einig: Einmal mehr zeigt es Fennells großes Talent für unvergessliche Bildkompositionen, die unbedingt auf die große Leinwand gehören.

 

Chloé Zhao

Ihre Werke strahlen eine tiefe Poesie aus. Chloé Zhao ging nicht den Umweg über die Schauspielerei, sondern studierte international u.a. Filmproduktion. Ihre ersten Spielfilme realisierte die Chinesin, die in den USA ihre kreative Heimat gefunden hat, mit geringen Mitteln und Laiendarsteller:innen. THE RIDER (2018), der in Cannes ausgezeichnet wurde, dreht sich, genau wie ihr erster Film, um Nachkommen von Lakota-Sioux, die ihre eigene Geschichte erzählen: Ein im Reservat lebender Rodeoreiter muss seine größte Leidenschaft nach einem schweren Unfall plötzlich aufgeben.

 

Zhaos dritte Regiearbeit NOMADLAND (2021) machte sie zur zweifachen Oscar®-Gewinnerin. Das Porträt einer Frau, die nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihrer Existenz als Nomadin durch die USA reist und sich gemeinsam mit Gleichgesinnten eine neue Lebensphilosophie erschließt, basiert ebenfalls auf einer wahren Geschichte. Neben der von Frances McDormand gespielten, fiktiven Hauptfigur treten zahlreiche echte Nomad:innen auf.

 

NOMADLAND wurde in drei Hauptkategorien mit dem Oscar® ausgezeichnet: Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin. Und das war nur die Spitze. Über 200 internationale Auszeichnungen sammelte der Film und Chloé Zhao stellte mehrere Rekorde auf, u.a. für die meisten Gewinne in einer Award-Saison. Allein als beste Regisseurin wurde sie 30 Mal prämiert und brach damit den bisherigen Rekord von Alexander Payne. 

Bei ihrem nächsten Spielfilm verließ Zhao, die bis dahin bevorzugt im semidokumentarischen Stil drehte, ihr gewohntes Terrain und inszenierte für Marvel die Comicverfilmung ETERNALS (2021). Nach gemischten Kritiken folgte mit dem Drama HAMNET (2026) wieder ein herausragendes Kinowerk, das ihren Ruf als eine der bedeutendsten Regisseurinnen des modernen Kinos festigte. Unter den über 300 Nominierungen befanden sich auch acht Academy Awards®, wobei Jessie Buckley die Trophäe als beste Hauptdarstellerin mit nach Hause nehmen durfte. Bei den Golden Globes gewann der Film als bestes Drama und Buckley als beste Hauptdarstellerin.

Glaubt man den ersten Stimmen, die THE INVITE bereits gesehen haben, darf sich Penélope Cruz in der kommenden Saison Hoffnungen auf die ein oder andere Nominierung machen. Außerdem wird Wildes Komödie als starker potenzieller Oscar®-Kandidat gesehen. Ob sich diese Prognosen erfüllen, zeigt sich in den kommenden Monaten – fest steht jedoch schon jetzt: Wilde gehört zu den spannendsten Regietalenten ihrer Generation. THE INVITE startet am 30. Juli in den deutschen Kinos.

 

Autor/-in: J.Leipnitz

Folge uns auch auf Facebook, Instagram und YouTube.

‘OSCAR®’ is the registered trademark and service mark of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences.