SOMMERMÄRCHEN. Dieser Begriff wurde bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 geprägt und gilt bis heute als Inbegriff für eine außergewöhnlich positive Stimmung: wenn das Turnier gesellschaftlich verbindend wirkt und – idealerweise – das deutsche Team gewinnt. Doch bereits die WM 1990 in Italien war so ein Sommermärchen (wenn auch nicht für die Gastgeber). Und sie war noch mehr. Die Dokumentation EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990 lässt uns diesen Fußballtraum noch einmal erleben – aus Sicht der Spieler.
Kurz nach dem Mauerfall, noch vor der Wiedervereinigung, wurde die deutsche Nationalelf unter Trainer Franz Beckenbauer zum dritten Mal Weltmeister und entfachte damit neue Begeisterung, wachsendes Selbstbewusstsein und einen neuen Optimismus in den beiden damals noch getrennten Landesteilen. Dieser WM-Titel schenkte Deutschland nach Jahrzehnten der Teilung ein neues Wir-Gefühl.
EIN SOMMER IN ITALIEN lässt uns die WM 1990 noch einmal durchfiebern. Aus einer Perspektive, wie man sie selten zu sehen bekommt: aus dem Inner Circle des Teams. Die Spieler besuchen noch einmal das Castello di Casiglio in Erba am Comer See, das für vier Wochen die Mannschaftunterkunft war. Und laden uns ein in die geschichtsträchtigen Stadien von Mailand und Rom, wo das Finale gegen Argentinien der Fußballnation Deutschland ein Denkmal setzte und zugleich ein Symbol wurde für Freundschaft, Loyalität und Hoffnung in einem gerade neu vereinten Land.

Eine Besonderheit dieser WM war auch, dass die deutsche Elf in Italien stets das Gefühl hatte, Heimspiele zu bestreiten. Schließlich spielten viele deutsche Stars in italienischen Clubs und der Fan-Support war entsprechend. Es wurde ein Sieg der wohl coolsten, legendärsten Nationalelf, die es je gab. Und ihres Teamchefs Franz Beckenbauer. In einem Sommer, der nicht nur in Italien, sondern auch in Deutschland bis heute nachhallt.

EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990 ist keine klassische Sport-Doku, sondern erzählt von Zusammenhalt und einem positiven Lebensgefühl und von Hoffnung – etwas, das wir heute dringend brauchen. Der Film konzentriert sich auf den Mikrokosmos im Team und will keine vollumfängliche Abhandlung der WM liefern, sondern wirkt streckenweise mehr wie die Nacherzählung eines Ausflugs an einen italienischen See, mit Eiscreme, Spaghetti, Kartenspiel-Nachmittagen und Matthäus' legendären Bootsfahrten, bei denen mancher Teamkollege lieber nicht einstieg, weil der Kapitän schon mit dem Auto „wie ein Henker“ gefahren sei.

Privataufnahmen von Sepp Maier und Bodo Illgner (der damals gerade eine neue Videokamera hatte), Perlen aus dem FIFA-Archiv und die aktuellen Statements der mittlerweile gereiften Stars machen EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990 zu einem bewegenden Dokument, das nicht nur eine Zeit lange vor Smartphones und Social Media, mit Vokuhila-Frisuren und Ballonseide-Trainingsanzügen, liebevoll wieder aufleben lässt, sondern auch zeitlos davon erzählt, wie aus einer zusammengewürfelten Truppe Freunde für's Leben wurden. Damals, als manche Fußball-Profis noch rauchten oder mal, wie Völler und Matthäus, einen Flieger „verpassten“, um ein Weinchen zu trinken.

Wir sind mit dabei: im Allerheiligsten, in der Kabine, hinter den Türen des WM-Quartiers, im Mannschaftsbus, bei gemeinsamen Ausflügen. Und natürlich auch bei der ausschweifenden Siegesfeier in Rom. Wir sehen einen singenden Franz Beckenbauer, duschende Fußballer im Glückstaumel. Es sind aber nicht nur die Blödeleien am Pool oder die legendäre Pressekonferenz, bei der die Spieler anfingen, die Journalisten zu befragen. Es sind Erinnerungen an „die rosa Wolke“ (Thomas Häßler), auf der das Team durch das gesamte Turnier geschwebt ist.

Es ist auch die emotionale Achterbahnfahrt nach schwachen Spielen. Wir erleben die WM 1990 noch einmal mit allen Höhen und Tiefen, auch aus der Perspektive von Ersatzbänklern. Stefan Reuter sagt dazu:
„Es geht nur um den gemeinsamen Erfolg, da musst du das eigene Ego auch mal beiseitelassen.“
Franz Beckenbauers Führungsstil war legendär. Er ließ Freiräume, die Spieler lebten nicht im Fußballkloster, ihre Partnerinnen und Familien waren dabei. Alle sollten sich wohlfühlen. Trotzdem wurde ihnen einiges abverlangt und auch der legendäre Wutausbruch des Chefs nach dem enttäuschenden 1:0 gegen Tschechien wird angesprochen. Oder das Gerangel nach der Spuck-Attacke des Niederländers Frank Rijkaard auf Rudi Völler. Die Helden von Rom berichten intim wie nie, wie sie selbst die großen Momente erlebt haben – die Jahrhundertspiele von Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann, den legendären Siegestreffer von Andi Brehme oder das Wahnsinns-Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England.

Diese Geschichten müssen endlich einmal von denen erzählt werden, die sie geschrieben haben. Es sind emotionale Momente, bei denen manche von ihnen auch mit den Tränen kämpfen. Eine große Stärke dieses Films liegt darin, dabei Diskretion und Würde zu wahren und Gefühle für sich sprechen zu lassen. Denn am Ende geht es doch darum, was Franz Beckenbauer seiner Mannschaft in der Kabine zu sagen pflegte:
„Geht’s raus und spielt’s Fußball!“
Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Pierre Littbarski, Thomas Häßler, Klaus Augenthaler, Karl-Heinz Riedle, Andreas Köpke, Bodo Illgner – insgesamt 18 Mitglieder aus dem Team der Mannschaft von 1990 sind noch einmal nach Italien gereist, um sich zu erinnern. „Die Truppe, die sich da gefunden hatte, war ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Jürgen Klinsmann heute. Und Lothar Matthäus:
„Da hat kein Blatt Papier zwischen uns gepasst.“

Ihre Gedanken gelten auch den verstorbenen Spielern Andreas Brehme, Frank Mill sowie Teamchef Franz Beckenbauer.
Die Produzentin und Regisseurin Vanessa Goll ist seit vielen Jahren im Dokumentarfilmbereich etabliert. Zuletzt verantwortete sie die erfolgreichen Kino-Dokus DANIEL RICHTER (2022) und WUNDERLAND - VOM KINDHEITSTRAUM ZUM WELTERFOLG (2023).
Bei den eigenen B|14 FILM-Produktionen, die sie gemeinsam mit Benjamin Seikel gründete, ist Goll immer an der kreativen Umsetzung beteiligt, so auch als Regisseurin bei der Aufsehen erregenden Dokumentation SCHUMACHER (2021), die nicht nur bei Fans der Formel 1 für Gänsehautmomente sorgte.
Die Co-Regisseurin Nadja Kölling machte sich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern u.a. mit der ZDF-Reihe 37 GRAD, TERRA XPLORE und bei der ARD-Reihe DIE STORY und GESCHICHTE IM ERSTEN einen Namen. Sie realisierte außerdem die Dokumentarfilme DAS GEISELDRAMA VON GLADBECK (2018) und DIE NEUE RECHTE (2021). Nis Suling schrieb als Co-Autor an EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990 mit. Der freie Sportjournalist und Autor arbeitet hauptsächlich als USA-Korrespondent für BILD, SportBILD und Die Welt. Davor war er 20 Jahre bei BILD als Stellvertretender Sportchef, Ressortleiter und Reporter bei WM, EM, Champions League, Bundesliga und Olympia tätig. Im Dezember 2023 erschien sein Buch „Wir Helden von Rom – Die wahre Geschichte der Fußball-WM 1990“, in dem alle Fußball-Weltmeister von 1990 ihre eigene, persönliche WM-Geschichte erzählen.
Diese Geschichten erwachen nun in EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990 mit bislang nie gezeigten Bildern zum Leben. Demnächst nur im Kino!
Autor/-in: A. Smithee