EIN SOMMER IN ITALIEN - WM 1990

Ganz nah dran – Die emotionalsten Kino-Dokus

Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Andi Brehme, Lothar Matthäus
EIN SOMMER IN ITALIEN - WM 1990, Rechte bei Tobis

Dokumentarfilm, kurz: Doku. Damit ist gemeint, dass es sich um eine nicht-fiktionale Geschichte handelt, dass dokumentierte Fakten gezeigt werden und die Handlung nicht der Fantasie entspringt. Klingt langweilig? Ganz im Gegenteil. Dokus können richtig emotional sein!

Dokus nehmen uns mit, eröffnen uns Welten, die wir sonst nie zu sehen bekämen. So wie EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990. Darin kombinieren die Filmemacherinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling aktuelle Interviews mit den Spielern der legendären Nationalmannschaft von 1990 und noch nie veröffentlichte Privataufnahmen von Sepp Maier und Bodo Illgner (der damals gerade eine neue Videokamera hatte) mit Perlen aus dem FIFA-Archiv zu einer einzigartigen, emotionalen Reise zurück zur WM 1990. Wir sehen einen singenden Franz Beckenbauer und duschende Fußballer im Glückstaumel. Und schon sind wir mittendrin im Allerheiligsten, in der Kabine, hinter den Türen des WM-Quartiers, im Mannschaftsbus, bei gemeinsamen Ausflügen. Und natürlich auch bei der ausschweifenden Siegesfeier in Rom.

 

Rudi Völler, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann, Pierre Littbarski, Thomas Berthold, Karl-Heinz Riedle, Lothar Matthäus, Klaus Augenthaler,
EIN SOMMER IN ITALIEN - WM 1990, Rechte bei Tobis

Dokus, die uns bewegen und neue Perspektiven eröffnen, entstehen oft aus einer klaren Idee und zuvor ungesehenen Bildern. Hier zeigen wir dir sieben besonders emotionale Beispiele.

DIE REISE DER PINGUINE (2005)

Welchen nicht zu unterschätzenden Beitrag Pinguine zu unser aller Leben leisten, haben wir erst unlängst in Peter Cattaneos Film DER PINGUIN MEINES LEBENS gesehen. Welchen Einsatz und welche Opfer insbesondere Kaiserpinguine in der Antarktis dafür bringen, das zeigte Luc Jacquets Doku DIE REISE DER PINGUINE so erstaunlich wie emotional. Jedes Jahr marschieren sie über 100 Kilometer übers Eis zu ihrem Brutplatz, legen ein einziges Ei – und dann beginnt der eigentliche Wahnsinn. Während die Männchen das Ei wochenlang auf den Füßen balancieren und bei −40 °C ausharren, kämpfen sich die Weibchen durchs Packeis zum Meer und zurück.

 

Der Film wurde 2005 überraschend zum weltweiten Hit, gewann den Oscar® für den besten Dokumentarfilm und hat das Genre geprägt: Naturdokus werden seither oft deutlich emotionaler erzählt – mit Dramaturgie, Musik und identifizierbaren Figuren.

WUNDERLAND - VOM KINDHEITSTRAUM ZUM WELTERFOLG (2024)

Es ist eine dieser Geschichten, bei denen man zunächst denkt: „Nett, aber das kann doch nicht funktionieren.“ Ein Dokumentarfilm über eine Miniaturlandschaft. Spoiler: Es funktioniert – und wie! Im Mittelpunkt stehen die Hamburger Zwillingsbrüder Frederik und Gerrit Braun und ihre ziemlich verrückte Idee: die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen.

 

Was als leicht größenwahnsinniger Kindheitstraum begann, wuchs zu einem internationalen Publikumsmagneten heran, dem Miniatur Wunderland in Hamburg, mittlerweile mit 1,5 Millionen Besuchern pro Jahr eine der größten Attraktionen Europas. Es sind nicht nur die rund 16 Kilometer Gleise und 1200 Züge, die neben Zehntausenden anderen Fahrzeugen fahren und zischen. Mittlerweile haben sie (fast) die ganze Welt im Maßstab 1:87 nachgebaut. Neben atemberaubenden Cinemascope-Aufnahmen zeigt WUNDERLAND aber noch viel mehr: welche Kraft die Fantasie freisetzen kann und mit welch großartiger Unbeirrbarkeit die Brüder ihr Projekt auch im großen Maßstab verfolgen.

BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927)

BERLIN – DIE SINFONIE DER GROSSSTADT zeigt einen einzigen Tag im pulsierenden Berlin der Weimarer Republik – vom morgendlichen Erwachen bis in die nächtliche Ekstase. Der Regisseur und Kameramann Walter Ruttmann, der zuvor unter anderem mit Fritz Lang gearbeitet hatte, nutzt statt einer klassischen Erzählung Montage, Schnittfolgen, Bewegungen und Wiederholungen.

 

Züge, Fabriken, Gesichter fügen sich zu einer visuellen Partitur, in der Maschinen und Menschen im gleichen Takt arbeiten. Historisch ist der Film ein Manifest der modernen Großstadt und des avantgardistischen Dokumentarfilms – und war schon vor gut 100 Jahren berauschend modern.

B-MOVIE: LUST & SOUND IN WEST-BERLIN 1979-1989 (2015)

Wir bleiben in Berlin. Wer sich hier an die Achtziger Jahre erinnern kann, der hat sie nicht erlebt, heißt es oft. Will sagen: Die Party war so wild, dass es schien, als habe jemand der Realität den Stecker gezogen. Um etwaige Gedächtnislücken zu schließen, empfiehlt sich B-MOVIE: LUST & SOUND IN WEST-BERLIN 1979–1989. Die Doku ist aber weniger Geschichtsunterricht als ein dreckig glitzernder Zeitraffer durch die Halbstadt, die damals ein anarchisches Labor für Musik, Kunst und sehr wenig Schlaf war. Das grandios arrangierte Archivmaterial taumelt zwischen Super-8-Chaos, Clubnächten und subkulturellem Größenwahn – und genau darin liegt sein Charme.

 

Erzählt wird das Ganze von Mark Reeder, einem britischen Musiker, Labelmacher und Szene-Insider, der Ende der 70er nach Berlin kam und prompt mitten im kreativen Irrsinn landete. Reeder führt uns mit trockenem Humor durch sein Archivmaterial wie ein Stadtführer durch eine versunkene Welt. Es ist ein heiteres Wiedersehen mit dem Achtziger-Adel wie den Ärzten, Blixa Bargeld, Gudrun Gut, den Humpe-Schwestern, der Tödlichen Doris, WestBam oder dem Wahren Heino. B-MOVIE beamt uns in eine Epoche, in der Berlin noch rau und gefährlich inspirierend war. Eine Zeit, in der man mit drei Akkorden und wenig Geld die Nacht – und manchmal auch die Welt – verändern konnte.

SEARCHING FOR SUGAR MAN (2012)

Sixto Rodriguez veröffentlichte in den frühen 1970er-Jahren in den USA zwei Alben, die kaum Beachtung fanden; seine Karriere schien gescheitert. Während Rodriguez sich als Bauarbeiter durchschlug, entwickelte sich jedoch am anderen Ende der Welt, in Südafrika, eine regelrechte Legende um ihn. Während der Zeit der Apartheid wurden seine Songs – besonders von seinem Album „Cold Fact“ – zu Hymnen einer kritischen Jugend. Seine Fans dort nahmen an, der Sänger sei tot.

 

Der Film folgt zwei südafrikanischen Fans bei einer bewegenden Spurensuche über Musik, Erinnerung und kulturelle Missverständnisse, in deren Verlauf sich herausstellt, dass Rodriguez lebt – und von seiner enormen Bedeutung in Südafrika nichts wusste. Bewegende Geschichte und respektvolle Würdigung eines verkannten Künstlers, zu Recht mit einem Oscar® ausgezeichnet.

MEIN LIEBSTER FEIND (1999)

Werner Herzog blickt auf seine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dem Schauspieler-Vulkan Klaus Kinski zurück – eines der intensivsten Regisseur-Schauspieler-Verhältnisse der Filmgeschichte und zugleich ein permanentes Wechselbad zwischen künstlerischer Symbiose, Nervenzusammenbruch und latenten Mordgedanken. Der Film ist gleichzeitig Anekdotensammlung, Charakterstudie und Liebeserklärung wider Willen. Herzog beschreibt Kinski als monströses Genie: unerträglich im Alltag, elektrisierend vor der Kamera. Genau aus dieser Reibung entstand das, was ihre Filme so einzigartig macht.

 

Die Pointe des Films: Manchmal braucht große Kunst zwei Dinge – Vision, und jemanden, der komplett wahnsinnig genug ist, sie umzusetzen. Einmal, so berichtet Herzog, boten ihm erschöpfte indigene Statisten sogar an, Kinski zu töten – ein Angebot, das er höflich ablehnte. Kunst geht vor.

MEIN LEHRER, DER KRAKE (2020)

Der Filmemacher Craig Foster taucht täglich in die kühlen Gewässer vor Südafrika und trifft dort auf eine ebenso neugierige wie kluge Krake. Was folgt, ist ein stilles Lehrstück über Geduld, Vertrauen und die Kunst, sich nicht von Haien stressen zu lassen – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne.

 

Was zunächst wie ein Naturfilm mit viel Unterwasser-B-Roll beginnt, entwickelt sich überraschend zu einer meditativen Freundschaftsgeschichte zwischen Mensch und Weichtier – inklusive philosophischer Tiefen, die so manchem Selbsthilfebuch die Tentakel verknoten würden. Spätestens, wenn du dich bei dem Gedanken ertappst, dir von einem Oktopus Lebensrat zu holen, weißt du: Dieser Film hat dich mit allen acht Armen erwischt.

Auch in EIN SOMMER IN ITALIEN erleben wir, wie eine Doku uns mitreißt, indem sie Nähe herstellt. Wir sehen die WM 1990 noch einmal neu – aus Sicht der Spieler. Diesmal schauen wir nicht nur vor dem Fernsehgerät zu, sondern sind gefühlt tatsächlich dabei.

Ab 19. März nur im Kino!

 

Autor/-in: A. Smithee

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